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Kommentar zur RTL-Chefin : Die Lotsin

Anke Schäferkordt Bild: RTL Group

Anke Schäferkordt verlässt RTL und Bertelsmann. Ob ihr Abschied freiwillig geschieht? Er fällt ihr jedenfalls nicht leicht. Und er markiert eine Zäsur.

          Die Karriere von Anke Schäferkordt ist glänzend, doch mit dem Glamour, der die Fernsehbranche begleitet, hatte sie nie etwas am Hut. Mit Fleiß, Akribie und kaufmännischem Geschick hat sie sich im Laufe von drei Jahrzehnten bei Bertelsmann und bei der RTL-Mediengruppe an die Spitze gearbeitet; als sie zu Beginn der neunziger Jahre anfing, konnte man Frauen in Führungspositionen auch im Privatfernsehen mit der Lupe suchen.

          Als Chefin des kleineren Senders Vox wusste sie zunächst derart zu überzeugen, dass sie zuerst bei RTL die Verantwortung übernahm, dann bei der deutschen RTL-Senderfamilie und schließlich als Ko-Vorstandsvorsitzende der in ganz Europa operierenden RTL Group in Luxemburg und im Vorstand des Mutterkonzerns Bertelsmann. Für diesen hat sie all die Jahre für Umsatz- und Gewinnsteigerungen gesorgt, auf die sich Bertelsmann verlassen konnte.

          Nun zieht sich Anke Schäferkordt zum Jahresende zurück. Man habe „gemeinsam und im besten gegenseitigen Einvernehmen“ entschieden, ihren Vertrag als Vorstandschefin der Mediengruppe RTL Deutschland nicht zu verlängern, heißt es. Zugleich teilt Anke Schäferkordt mit, sie halte einen „schnellen Übergang“ für das Beste. Da klingt an, wie schwer ihr die Entscheidung gefallen ist, was sie in einem am Mittwoch versendeten Schreiben an die Mitarbeiter noch einmal bekräftigte. Die RTL-Gruppe, wo sie über all ihre Funktionen hinweg 27 Jahre lang wirkte, sei für sie nicht nur ein Arbeitsplatz, sondern eine „Herzensangelegenheit“ gewesen.

          Zu ihrem Abschied überschütten die Vorstände von RTL und Bertelsmann Anke Schäferkordt mit Lob. Dazu haben sie auch allen Grund, focht sie für den Konzern doch an allen Fronten – wirtschaftlich und politisch, wenn es darum ging, den Rahmen für den Wettbewerb zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern abzustecken, in den seit einiger Zeit Streamingdienste wie Netflix oder Amazon Prime Video mit gigantischen Investitionen ins Programm eingetreten sind. Die Plattform Magenta TV der Telekom nicht zu vergessen. Mit ihrem Angebot greifen sie vor allem die beiden großen privaten Sendergruppen an, RTL und Pro Sieben Sat.1.

          Diese haben sich als Gewinnmaschinen bis heute bewährt. Mit Blick auf Investitionen und die Vielfalt des Programms treten sie aber seit Jahren so kurz, dass sie die rundfunkbeitragsabgesicherte Konkurrenz der Öffentlich-Rechtlichen, die groß ins Netz einsteigen können, und die der internationalen Streaming-Player nun wirklich zu fürchten haben. Dass Sender mit kleineren Kanälen spezielle Zuschauergruppen ansprechen, vor allem aber zu Plattformen werden müssen, haben alle verstanden. Nur ist die Frage, ob sie mit diesem Prozess schnell genug vorankommen: Bei Pro Sieben Sat.1 sieht es mit der Mediathek „Maxdome“ nicht danach aus, bei RTL mit „TV Now“ auch nicht. Das in Angriff zu nehmen ist die Aufgabe von Anke Schäferkordts Nachfolger Bernd Reichart, der sich wie einst sie als Geschäftsführer von Vox Meriten erworben hat. Vielleicht hinkt der Vergleich ein wenig, vor allem wenn es um die inhaltliche Bewertung der Bilanz angeht, aber man könnte doch sagen, mit Anke Schäferkordt geht die Angela Merkel des deutschen Privatfernsehens von Bord. Sie hat dreißig Jahre Lotsendienst absolviert, der sich sehen lassen kann. Ihr Abschied markiert eine Zäsur.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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