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„RT deutsch“ : Mit dem kunterbunten Holzhammer

Manchmal sind Kameras willkommen, manchmal nicht: Wladimir Putin in Brisbane auf dem Weg zu den G-20-Konsultationen. Bild: dpa

Hat uns die ARD „Kreml TV“ vorgesetzt? Weil der russische Präsident dort ungestört reden durfte? Mitnichten. Propaganda in seinem Sinne findet woanders statt: bei „Russia Today TV deutsch“ im Internet.

          Wladimir Putin erobert den deutschen Bildschirm. Höchstpersönlich machte er das am Sonntag im Interview mit der ARD. Seine Hilfstruppe ist schon kurz zuvor gestartet. Seit vergangener Woche ist im Internet „RT deutsch“ auf Sendung, der deutschsprachige Ableger des Staatssenders „Russia Today“. Mit beidem versucht Putin, auf die hiesige Meinungsbildung Einfluss zu nehmen. Im Gespräch mit dem Journalisten Hubert Seipel tat er das im sachlichen Dialog, bei „RT deutsch“ schlagen derweil adrette Moderatorinnen fröhlich Verschwörungskapriolen. Der Chef argumentiert, die Reporter im Netz schwadronieren drauflos.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          „Unser Ziel ist es, eine Gegenöffentlichkeit herzustellen sowie Medienmanipulationen aufzuzeigen“, heißt es bei „RT deutsch“. Aufs Manipulieren allerdings, das zeigen die ersten Sendungen, versteht sich RT selbst aufs beste. Fakten werden aus dem Zusammenhang gerissen und mit einem ganz bestimmten Spin versehen - gern von Verschwörungstheoretikern im Studio -, so dass am Ende die Lüge als Wahrheit und die Wahrheit als Lüge dasteht und immer ein und dieselbe Botschaft: Amerika ist an allem schuld, Russland wird von allen Seiten eingekesselt, die öffentliche Meinung im Westen ist von A bis Z ferngesteuert. So werde der „Krieg herbeimanipuliert“ - der Krieg, den „der“ Westen gegen „die“ Russen führt. „Politik und Medien“, so die Feststellung, seien in „Vorkriegslaune“.

          Helden der Pressefreiheit

          Dargeboten wird das bei „RT deutsch“ von der jungen Moderatorin Jasmin Kosubek, deren scheinbare Unbedarftheit eine wunderbare Folie für den galoppierenden Wahnsinn abgibt, den sie mit ihren Suggestivfragen transportiert. „Ich habe keine Ahnung von Krieg, und ich weiß auch nicht, wie so etwas vorbereitet werden soll“, sagt sie. Dass ein Krieg - natürlich vom Westen - vorbereitet wird, scheint bei RT schon ausgemachte Sache zu sein. „Braucht Washington einen neuen Feind?“, lautet die Frage zu Syrien. Dann geht es um das Thema „IS, Katar und Deutschland - ein interessantes Dreieck“, Auskunft gibt der Herausgeber des „Geheim“-Magazins. Rainer Rupp, der unter dem Decknamen „Topas“ die Nato für die Stasi ausspionierte, verbreitet sich zu „möglichen“ MfS-Verstrickungen des Bundespräsidenten und der Bundeskanzlerin. Zwei „Israel-Kritiker“, die Gregor Gysi im Bundestag bis auf die Toilette nachstellten, werden als Helden der Pressefreiheit gefeiert. Der Journalist Martin Lejeune, der den Eiertanz gefilmt hat, bezeichnet die israelische Gesellschaft im Gespräch als „zutiefst rassistisch“. So geht es weiter, so geht es fort, auch mit einem Film über einen Reporter des NDR-Magazins „Zapp“, den die RT-Leute ihrerseits gefilmt haben, um zu zeigen, wie lächerlich sein Ansinnen gewesen sei, von „RT deutsch“ Auskunft zu erlangen.

          Sie nennen es „Gegenöffentlichkeit“: Die Moderatorin Jasmin Kosubek im Studio des deutschen Ablegers von „RT“ in Berlin.

          „Hier sind wir jetzt. Wir von ,RT deutsch‘. Wir sind die Putin-Versteherinnen, die Kreml-Marionetten, die Verschwörungstheoretikerinnen. Wir sind so gehirngewaschen, dass wir nur antiamerikanische Propaganda machen können“, sagt die Reporterin Lea Frings und tänzelt vor der Kamera herum, um Passanten nach ihrer Meinung zu dem neuen Sender zu fragen, dessen Programm sie noch gar nicht kennen können (aber alle toll finden). Laut und lustig, aufgedonnert und scheinbar selbstironisch kommt diese russische Staats-Propaganda auf Youtube daher - eine ideologische Freakshow. Doch man muss sagen, ganz ohne Ironie: Die Reporterin hat recht. Jeden Tag eine Packung „RT deutsch“, und die Welt erscheint als eine, in der die Krim von der russischen Armee befreit worden ist und Wladimir Putin gar nicht anders kann, als die Separatisten im Osten der Ukraine und das Assad-Regime in Syrien zu unterstützen. Man müsse „sehr genau hinschauen und lernen, wie man mit den Medien umgeht“, sagt der RT-Chefredakteur Ivan Rodionov zu seiner Moderatorin. Wer bei „RT deutsch“ länger und genau hinschaut, kann erkennen, mit welch kunterbuntem Holzhammer man hier ein geschlossenes Weltbild zimmert. Es ist ein reaktionäres Weltbild, antiamerikanisch, in ersten Ansätzen erkennbar antisemitisch, verschwörungsselig und komplett anschlussfähig sowohl für die AfD wie für die Altstalinisten in der Linkspartei.

          Um des lieben Friedens willen

          Dass Wladimir Putin bei „RT deutsch“ jeden Morgen mit am Redaktionstisch säße, wie die Pirouetten-Reporterin Lea Frings witzelt, wäre jedoch wirklich ein Scherz. Wir würden einmal wetten: Der Chef könnte das besser. Das hat er schließlich in der ARD gezeigt, wo er im Gespräch mit Hubert Seipel ganz in Ruhe sein Argumentationsmuster entwickeln konnte: Er habe die Krim befreit, in der Ukraine drohten „ethnische Säuberungen“, die Faschisten seien dort am Drücker, die Ukraine sei ein europäisches Land, dem eine Föderation (also Teilung) vielleicht guttäte, die Sanktionen des Westens kratzen Russland nicht, zwischen Deutschland und Russland sei eine Einigung um des lieben Friedens willen jederzeit möglich, um „einen einheitlichen politischen Raum zu schaffen“, Russland sei dazu bereit. So lautete Putins Agenda in Kurzform.

          Dass diese im Ersten zu besichtigen war - und in der Talkshow von Günther Jauch hernach von der Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, der WDR-Chefredakteurin Sonia Seymour Mikich, dem Historiker Heinrich August Winkler und dem Reporter Seipel diskutiert (und dabei auch seziert) wurde -, ist übrigens das Gegenteil von „Kreml TV“. Der Reporter Seipel, der einen guten Draht zum russischen Präsidenten hat, ist noch lange kein „Putin-Versteher“. Bei ihm und bei der ARD konnte sich jeder vielmehr seine eigene Meinung bilden. Wir wurden sogar live Zeuge, wie Wladimir Putin versuchte, die Bundesrepublik Deutschland von ihren westlichen und europäischen Partnern zu trennen und auf einen russisch-deutschen Sonderweg zu locken. Das darzubieten ist genau die richtige Methode, dem grassierenden Medienbashing und Verschwörungsgeraune entgegenzutreten. Für „Kreml TV“ sind sie bei „RT deutsch“ zuständig.

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