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Roseanne Barr für Trump : Sie fände sich als Präsidentin auch nicht schlecht

  • -Aktualisiert am

Bei ihr geht es immer ums Ganze: Roseanne Barr. Bild: AFP

Die Schauspielerin Roseanne Barr ist bekennende Trump-Wählerin. Das will sie bei der Neuauflage ihrer Comedy-Serie „Roseanne“ auch zeigen. Amerikas Kritiker sind skeptisch, dabei birgt die neue Serie eine Chance.

          Mit gemischten Gefühlen haben die amerikanischen Fernsehkritiker auf ihrer halbjährlichen Konferenz im kalifornischen Pasadena die Rückkehr von Roseanne Barr mit einer Neuauflage ihrer einst bahnbrechenden Sitcom „Roseanne“ aufgenommen. Denn die neue Roseanne ist, mehr als zwanzig Jahre nach dem Auslaufen der überaus erfolgreichen Serie von 1987, eine bekennende Trump-Unterstützerin – genau wie die Schauspielerin selbst.

          Es steht freilich in der Tradition der Serie, die von einer arbeitenden Mutter, ihrer Familie mit Mann und vier Kindern und ihrer umfangreiche Sippe handelt, immer wieder durch die sogenannte „vierte Wand“ zu brechen – die zum Publikum hin offene Seite der Bühne – und die Realität frech zu spiegeln. Roseanne Barr betonte, damals wie heute sei ihr eine echte Reflexion der amerikanischen Gesellschaft wichtig. „Ich will ein realistisches Porträt der Arbeiterklasse, und ich finde dies wirklichkeitsnah, weil die Arbeiterklasse für Trump ist. Ich möchte thematisieren, wie Leute andere Leute dafür hassen, wie sie gewählt haben, weil ich das nicht besonders amerikanisch finde.“

          Einige Kritiker mutmaßen jedoch, die Komikerin könnte ihre Show zu einer politischen Plattform und Verlängerung ihres Twitter-Kontos machen, wo sie sich zuletzt mit der Verbreitung wilder Verschwörungstheorien der Trump-Fangemeinde unmöglich gemacht hatte – etwa der, dass Trump-Widersacher wie Hillary Clinton Pädophilen-Ringe betrieben und auch vor Mord an Mitarbeitern, die „zu viel wissen“, nicht zurückschreckten.

          Die Besetzung der Original-Serie aus dem Jahr 1989: Michael Fishman, Roseanne Barr, John Goodman (vorne, von links), Sara Gilbert, Alicia Goranson und Laurie Metcalf (zweite Reihe, von links).

          Roseanne Barr war immer schon eine schillernde Figur. Sie lieferte sich wüste Gefechte mit ihren Autoren, feuerte ihre Schwester und Managerin Geraldine und zelebrierte mit ihrem früheren Mann Tom Arnold einen öffentlichen Scheidungskrieg. Sie beschuldigte ihre Eltern, sie sexuell missbraucht zu haben, und relativierte diese Anschuldigung später. 2012 trat sie zunächst für die Green Tea Party und, nach einem Zerwürfnis mit deren Führung, für die Peace and Freedom Party als Präsidentschaftskandidatin an. Sie unterstützte die „Occupy Wall Street“-Bewegung und die Homo-Ehe. Und sie wählte Trump, „damit er den Status quo und das farblose Establishment aufmischt“, wie sie im Dezember auf Twitter schrieb. Einige Tage später wurden ihre Tweets gelöscht: Ihre Kinder, sagte Barr in Pasadena, hätten ihr den Zugang zu dem Kurznachrichtendienst gesperrt, offenbar mit Blick auf zu befürchtende Kontroversen vor dem Start der neue „Roseanne“-Serie. Dennoch bekräftigte sie in Pasadena ihre Unterstützung für Trump. Es sei Zeit, die Karten neu zu mischen und etwas anderes zu versuchen, sagte sie und fügte schließlich an, sie selbst wäre wohl ein noch besserer Präsident als Trump.

          Neben ihr auf dem Podium saß fast die gesamte Originalbesetzung der Serie – auch John Goodman, der Roseannes Ehemann Dan spielt, der gegen Ende der Originalserie scheinbar einem Herzanfall erlegen war: Er lebt also doch noch. Er habe keine Sekunde gezögert, sagte Goodman, abermals in die Rolle von Dan zu schlüpfen.

          „Ich will ein realistisches Porträt der Arbeiterklasse, und ich finde dies wirklichkeitsnah, weil die Arbeiterklasse für Trump ist. Ich möchte thematisieren, wie Leute andere Leute dafür hassen, wie sie gewählt haben, weil ich das nicht besonders amerikanisch finde“: Roseanne Barr.

          „Roseanne“ schrieb von 1988 bis 1997 mit dem Porträt einer Arbeiterfamilie Fernsehgeschichte. Die Matriarchin nahm darin eben so wenig ein Blatt vor den Mund wie der aufbrausende Vater und alle anderen Familienmitglieder. „Roseanne“ verwob geschickt Realität und Fiktion und schlug komisches Kapital aus produktionstechnischen Peinlichkeiten wie der mehrmaligen Umbesetzung der ältesten Tochter Becky (mit Lecy Goranson und Sarah Chalke), der Umbenennung der Nebenfigur Kevin (Johnny Galecki) in David und den Auszeichnungen, die einige der Schauspieler für ihre Arbeit erhielten, während andere leer ausgingen. In der Fernsehsaison 1989/90 war „Roseanne“ die meistgesehene Serie Amerikas. Sie wurde vielfach für ihren Realismus gepriesen und mit insgesamt siebzehn Emmys und vierzehn Golden Globes ausgezeichnet.

          Auch die Neuauflage will sich mit den Verwerfungen der amerikanischen Gegenwart beschäftigen. Unter anderem wolle man thematisieren, „dass die weiße Arbeiterfamilie vielerorts inzwischen in der Minderheit ist“, sagte Roseanne Barr mit Verweis auf zunehmende ethnische Vielfalt in den Kleinstädten des Landes. Sie sprach damit ein Ressentiment an, das viele Trump-Wähler beflügelt.

          Und doch sollte man vielleicht begrüßen, dass Roseanne Barr in ihrer Comedy ein Thema aufgreift, von dem viele Meinungsführer gerade in den Medien lieber die Finger lassen: Trump-Wähler und ihre Motivationen. In der ersten Episode der neuen Staffel wird in Aussicht gestellt, Stimmen beiderseits des tiefen Grabens in der amerikanischen Gesellschaft zu hören. Wenn die Neuauflage von „Roseanne“ das Versprechen auf einen Dialog einlöst, könnte Barr noch einmal Fernsehgeschichte schreiben.

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