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Debakel für „Rolling Stone“ : Sie wollten Jackie unbedingt glauben

Das Haus, in dem nichts passierte, zumindest nicht das, was die Zeugin „Jackie“ der Reporterin vom „Rolling Stone“ erzählte. Bild: AP

Mit der Geschichte über eine angebliche Gruppenvergewaltigung an der Universität von Virginia wollte das Magazin „Rolling Stone“ groß rauskommen. Jetzt bleibt von der Story nichts übrig. Doch was lernen die Zeitschrift und die Autorin daraus?

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          Es war der größte Coup in der Geschichte der Zeitschrift „Rolling Stone“, und es wurde das größte Fiasko. Kein Text jenseits der Prominentenberichterstattung wurde in der elektronischen Ausgabe so häufig aufgerufen wie die Reportage über „Eine Vergewaltigung auf dem Campus“ aus dem Dezemberheft 2014. Sabrina Rubin Erdely erzählt darin die schaurige Geschichte einer Studentin der University of Virginia, die im Artikel Jackie heißt. Am 28.September 2012, so der Artikel, wurde sie während einer Party in einem Verbindungshaus von sieben Männern vergewaltigt. Dirigiert wurden die sieben Täter demnach von einem achten, dem Kommilitonen, der Jackie auf die Party eingeladen hatte. Die Enthüllung eines solchen furchtbaren Verbrechens, dessen Aufklärung die Universitätsverwaltung zudem angeblich vereitelt hatte, löste ein Entsetzen aus, das Maßnahmen einer panischen Selbstjustiz zeitigte. Steinewerfer attackierten das Haus der Verbindung, die unter den griechischen Buchstaben Phi Kappa Psi firmiert, die Universitätspräsidentin verhängte vorsorgliche Maßregeln gegen sämtliche Verbindungen. Politiker zitierten den Artikel, um die Dringlichkeit gesetzgeberischer Interventionen zur Bekämpfung der angeblichen Seuche sexueller Gewalt hinter den Mauern der Universitäten zu belegen.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Der Artikel wurde am 19.November 2014 veröffentlicht. Am 24.November äußerte der Journalist Richard Bradley in seinem Blog den Verdacht, dass es sich bei Jackies Geschichte um einen „hoax“ handeln könnte, einen Lügenstreich. Misstrauisch stimmten Bradley just die drastischen Details, die den Leser sozusagen zum Augenzeugen der Tat machten. Jackie wurde in einen finsteren Raum gelockt, wo die Männer auf sie warteten. Sie wurde auf einen Glastisch geschleudert, der in tausend Stücke zersprang. Statt die Scherben beiseitezukehren, pressten die Täter einer nach dem anderen ihr Opfer in dieses Glasbett. Bradleys Blog hat den hübschen Namen „Shots in the Dark“. Ihm gelang ein Volltreffer. Als die „Washington Post“ auf dem Campus recherchierte, kamen unheilbare Widersprüche in Jackies Leidensgeschichte an den Tag. Am 5.Dezember teilte der „Rolling Stone“ mit, dass man nicht mehr hinter dem Artikel stehe.

          Zur Erforschung der Ursachen für das Versagen der journalistischen Urteilskraft veranlasste der Verlag eine externe Untersuchung. Man trat an die Journalismusfakultät der New Yorker Columbia-Universität heran, die als berufsethische Wächterinstanz gilt. Steve Coll, Dekan der Fakultät, zweimaliger Pulitzer-Preisträger und ehemaliger leitender Redakteur der „Washington Post“, erarbeitete mit zwei Kollegen den Bericht, der am Sonntagabend veröffentlicht wurde. Am Montag erläuterten Coll und seine Mitautorin Sheila Coronel auf einer Pressekonferenz ihren Befund einer vermeidbaren Fehlleistung. Phi Kappa Psi hat unterdessen eine Klage gegen „Rolling Stone“ angekündigt.

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