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Die Rolle sozialer Netzwerke : Wohin mit den Nachrichten?

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Facebook, Twitter und Associated Press - Soziale Netzwerke werden zunehmend zu Nachrichtenmedien Bild: AP

Der Newsfeed von Twitter ist die Erfolgsgrundlage für die IS-Propaganda. Ein filternder Algorithmus würde das Netzwerk hingegen zum zweiten Facebook machen. Sind sich Soziale Medien ihrer Verantwortung bewusst?

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          Am 15. Januar 2009 etablierte sich Twitter endgültig als journalistisches Medium. Auslöser war das Foto eines gewissen Janis Krums, das innerhalb weniger Stunden tausendfach auf der ganzen Welt von Nachrichtenagenturen und Medienportalen übernommen wurde. Es zeigte ein Flugzeug, das nahezu unbeschadet auf dem Hudson River zwischen New Yorks aufragenden Wolkenkratzern notgewassert war. Ein junger Mann mit einem Smartphone war schneller gewesen als alle Lokaljournalisten, Newshunter und Korrespondenten. Der klassische Journalismus verlor mit diesem Ereignis seinen Informationsvorsprung und konnte die nachrichtliche Relevanz sozialer Medien nicht länger ignorieren.

          Der gereckte Facebook-Daumen

          Twitter ist inzwischen ein anerkanntes journalistisches Werkzeug. Folgt man den „richtigen“ Leuten, so erhält man Informationen manchmal Stunden, bevor sie in den Newsrooms aufbereitet und angereichert werden können. Netzthemen und -trends sind feste Bestandteile des nachrichtlichen Spektrums.

          Im Gegensatz zu Facebook filtert Twitter den Strom von geteilten Links, Fotos, Videos und Statements nicht durch einen auf die Präferenzen des Nutzers abgestimmten Algorithmus. Tweets werden in der Timeline immer in chronologischer Reihenfolge aufgelistet. Das Neuste ganz oben. Besonders deutlich wurden die unterschiedlichen Funktionsweisen der beiden Netzwerke angesichts der Ereignisse in der amerikanischen Kleinstadt Ferguson.

          Als erstes beobachtete Tech-Blogger Mathew Ingram, dass während unter den Hashtags #Ferguson, #MichaelBrown und #HandsUpDontShoot auf Twitter sekündlich Fotos, Videos und Solidaritätsbekundungen geteilt wurden, auf Facebook die „Ice Bucket Challenge“ und natürlich der engere Freundeskreis mit seinen alltäglichen Problemen regierten. Der Algorithmus entwirft eine Welt, die, ganz im Sinne des gereckten Facebook-Daumens, in erster Linie gefallen soll.

          Schnell und unberechenbar

          Der von einigen vor diesem Hintergrund erhobene Zensurvorwurf gegen Facebook, das nur die eine genormte und ansprechende Welt aus dem täglich anfallenden Nachrichtenwust herausfiltere, verlor seinen energischen Tonfall jedoch wenige Stunden später, als der Islamische Staat das grauenvolle Video der Enthauptung des Fotojournalisten James Foley auf Twitter mit der Welt teilte. In einem solchen Moment erscheinen Filter sinnvoll, etwas, das den Dschihadisten die Möglichkeit nimmt, Propaganda viral auszubreiten.

          Auf der ganzen Welt forderten Journalisten dazu auf, das Video nicht anzusehen, nicht zu teilen und nicht zu kommentieren. James Foley sollte als Mensch in Erinnerung bleiben, nicht als Propaganda-Werkzeug und - Opfer. So gut gemeint diese Aufrufe waren, so sehr kamen sie zu spät. In dem Moment, in dem das Video auf diversen Kanälen hochgeladen und vermutlich schon in erster Instanz hundertfach geteilt worden war, hatte die Terrororganisation ihr Ziel bereits erreicht. Was Twitter noch während der Arabellion zum vermeintlichen Instrument der Demokratisierung gemacht hatte, seine Aktualität, fehlende Zensur und Unmittelbarkeit, hatte seine hässlichen Auswirkungen gezeigt.

          Twitter befindet sich neuerdings in einer „Experimentierphase“, in deren Zuge auch Twitter-User erstmals Inhalte angezeigt bekommen sollen, die weder direkt noch indirekt (durch Retweets oder Kommentare) in irgendeinem Zusammenhang mit den eigenen Followern stehen. Laut Twitter-Hilfs-Center könnten ab jetzt auch „für Dich relevante“ Inhalte in der Timeline auftauchen, oder vielmehr solche, die das Netzwerk als besonders relevant für den jeweiligen Account einstuft. Viele Nutzer zeigten sich aufgebracht angesichts einer solchen Annäherung an das Prinzip Facebook.

          Soziale Netzwerke als Weltbildvermittler

          Auf dem Blog Lousypennies behauptet der Journalist Karsten Lohmeyer „Twittern macht schlau“ und macht sich Sorgen um die künftigen „Digital Natives“. Wie ein mittlerweile stark anwachsender Teil seiner Berufsgruppe sieht er das Netzwerk als eine zentrale Informationsquelle an, aktueller und umfassender als alles, was traditionelle Medienhäuser jemals auf die Beine stellen könnten. Mit der Aktualität geht bei Twitter aber auch eine besondere Form der Unkontrollierbarkeit einher.

          Wenn sich in Kürze das nächste Gewaltvideo über die Timelines verbreitet, wird die Forderung nach einem #ISISmediablackout abermals zu spät kommen. Mit einem nachträglichem Löschen von Konten wird dem Problem nicht beizukommen sein. Wenn man sich für das unzensierte, unmittelbare Netzwerk entscheidet, kann man die Verbreitung unliebsamer Inhalte nicht verhindern.

          Weder Facebook noch Twitter wurden ursprünglich mit dem Anspruch gegründet, zentrale Bezugsquelle für Nachrichten zu sein. Sie wurden in diese Rolle gedrängt und haben sie, das zeigt beispielsweise die Umstellung des Facebook-Algorithmus zugunsten nachrichtlicher Inhalte Ende des Jahres 2013, zumindest teilweise angenommen. Zunehmend konsumieren Menschen ihr Weltwissen über ihre Timeline, der Kontakt zu Freunden, die Chatfunktion – das alles ist nur noch die soziale Komponente des Netzwerkes, beinahe wichtiger ist der Informationsfluss.

          Angesichts dieser Entwicklung und vor allem angesichts des Missbrauchs durch Terrororganisationen wie die IS stellt sich die Frage, wie lange die großen Sozialen Netzwerke noch die Augen vor einer Verantwortung als Nachrichtenmedium verschließen können.

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