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Roger Willemsen ist tot : Der Anspruch, genau zu sein

  • Aktualisiert am

Der Moderator und Autor im Jahr 2000. Bild: ROBA Images

Der Bestsellerautor und frühere Fernsehmoderator Roger Willemsen ist tot. Er war einer der bekanntesten deutschen Intellektuellen. Willemsen starb im Alter von 60 Jahren an einer Krebserkrankung.

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          Der Bestsellerautor und frühere Fernsehmoderator Roger Willemsen ist tot. Dies bestätigten sein Büro in Hamburg und sein Frankfurter Verlag S. Fischer an diesem Montag.

          Willemsen gehörte zu den bekanntesten deutschen Intellektuellen. Bekannt wurde er vor allem mit essayistischen Reisebüchern („Die Enden der Welt“). Zuletzt landete er mit seinem Buch „Das Hohe Haus“ (2014) einen Bestseller. Dafür hatte er ein Jahr lang das Geschehen im Bundestag von der Tribüne als Zuhörer verfolgt.

          Am 15. August 1955 in Bonn als Sohn eines Kunsthistorikers und Restaurators und einer Expertin für Ostasiatische Kunst geboren, hatte Willemsen Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in Bonn, Florenz, München und Wien studiert. Promoviert wurde er 1984 mit einer Arbeit über die Dichtungstheorie Robert Musils, seine Habilitationsarbeit über „Selbstmord in der Literatur“ gab er auf. Neben dem Studium war Willemsen mehrere Jahre lang als Nachtwächter, Reiseleiter und Museumswärter tätig.

          Von Gisèle Freund bis Woody Allen

          Nach einer Zeit als Literaturwissenschaftler an der Universität in München und als Korrespondent in London engagierte ihn 1991 der Hamburger Pay-TV-Sender Premiere als Moderator für sein Interview-Magazin „0137“, das nach der Telefonvorwahl benannt war, unter der sich Zuschauer an der montags bis freitags ausgestrahlten Live-Sendung beteiligen konnten. Das Magazin, in dem er mehr als 600 Interviews in einem Jahr mit Prominenten und Unbekannten führte, machte Willemsen zum Shooting-Star unter den Fernsehmoderatoren. Seine Gästeliste reichte von der Schauspielerin Audrey Hepburn bis zu Palästinenserführer Arafat und schloss einen leibhaftigen „Menschenfresser“ ebenso ein wie einen entflohenen Bankräuber. Selbst die Vergewaltigung eines jungen Mannes durch seine Mutter war für Willemsen kein Tabu. Mit seinem Anspruch, „genau zu sein“, und seiner unverwechselbare Gesprächsführung erhielt Willemsen1992 den Bayerischen Fernsehpreis und 1993 den Adolf-Grimme-Preis in Gold.

          1994 wechselte Willemsen zum ZDF nach Mainz und moderierte von Oktober 1994 bis Juni 1998 die einstündige Talk-Show „Willemsens Woche“. Seit 1993 produzierte Willemsen mit seiner Firma Noa-Noa Dokumentationen, Interviews, Themenabende und Preisverleihungen, im Sommer 1996 lief seine neunteilige Porträt-Reihe „Willemsens Zeitgenossen“ im ZDF an, in der Gisèle Freund, Michel Piccoli, Vivienne Westwood, Quincy Jones jr., Philippe Starck und John Malkovich zu Gast waren. Ab 1999 moderierte Willemsen im deutschen Fernsehen Kultursendungen wie die „Echo-Klassik-Gala“ im ZDF, die Brecht-Hommage zum 100. Geburtstag „Und der Haifisch, der hat Zähne“, die „Romy-Schneider-Nacht“ oder die „Casanova-Nacht“ im WDR. Außerdem interviewte er für das ZDF-Format „Willemsens Musikszene“ Künstler wie Pierre Boulez, Herbert Hancock, Chick Corea, Sting, Kurt Masur, Gidon Kremer oder Woody Allen. In der ZDF-Reihe „Gipfeltreffen“ inszenierte Willemsen filmische Doppelporträts von Marie Bäumer und Monty Roberts in Los Angeles oder Herbert Grönemeyer und Paul Spiegel in Köln.

          Begegnungen mit Menschen und Orten

          Sein Debüt als Regisseur gab Willemsen 1996 im ZDF mit dem Dokumentarfilm „Non Stop - Eine Reise mit Michel Petrucciani“, der in dreizehn weiteren Ländern ausgestrahlt wurde. ZDF und Arte zeigten 1999 seine Filme „Gerhard Schröder – vom Kandidaten zum Kanzler“ und „Bordelle der Welt“ sowie die Reportage „Das Geschäft mit der Lust“. Im Januar 1999 kehrte Willemsen mit der einmal monatlich vom WDR 3 ausgestrahlten Sendung „Nachtkultur mit Willemsen“ auf den Bildschirm zurück und diskutierte bis November 2000 jeweils ein aktuelles Thema aus Kunst und Kultur mit drei bis vier Gästen.

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