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Roger Willemsen ist tot : Bis ans Ende der Welt und weiter

Der Moderator und Autor im Jahr 2000. Bild: ROBA Images

Der Bestsellerautor und frühere Fernsehmoderator Roger Willemsen ist tot. Er war einer der bekanntesten deutschen Intellektuellen. Willemsen starb im Alter von 60 Jahren an einer Krebserkrankung.

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          Am Ende seines Weges hatte er den Adolf-Grimme-Preis in Gold, den Bayerischen Fernsehpreis, den Julius-Campe-Preis für Literaturkritik, den Deutschen Hörbuchpreis und viele mehr erhalten. Am Anfang aber stand ein Preis für eine Komposition zu „Anna Livia Plurabelle“, mit dem der Schüler Roger Willemsen um das Jahr 1970 herum ausgezeichnet wurde. Die Besetzung klingt zeitgemäß wüst – zwei Frauenstimmen, Cembalo, Querflöte, Vibraphon und Naturgeräusche –, und als das Stück in Bonn aufgeführt wurde, lernte der junge Komponist dabei den Pianisten Friedrich Gulda kennen: „Zuletzt“, erinnerte sich Roger Willemsen, „improvisierten wir dann gemeinsam“. Der Schüler spielte Vibraphon.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Viel später hat Willemsen, geboren 1955 in Bonn, der als Kind bürgerlicher Eltern im Nebengebäude eines Schlosses aufwuchs, früh den Vater verlor, mehrmals sitzenblieb und bereits als Schüler zum Lebensunterhalt der Familie beitragen musste, vom „wilden, unbehüteten Schwärmen“ gesprochen, das kennzeichnend für seine Kindheit gewesen sei: „Ein brütend melancholisches Kind“, sei er gewesen, „das sich oft in die Wiesen setzte und isolierte, ein Kind, das wegwollte, raus in die Welt und raus aus der Welt.“ Eines seiner schönsten Bücher, erschienen 2010, handelt davon, die Erde, um das mindeste zu sagen, bis zu den Punkten hin zu erkunden, an denen es nicht mehr weitergeht. Was immer „Finis terrae“ hieß, scheint den studierten Kunsthistoriker und Literaturwissenschaftler, der eine Zeit lang Assistent von Walter Müller-Seidel in München war und mit einer exzellenten Arbeit zu Robert Musil promoviert worden ist, unwiderstehlich angezogen zu haben.

          Bildung muss nicht eifernd daherkommen

          Natürlich ging es ihm dabei nicht um Geographie, nicht nur jedenfalls; denn zwischen Beschreibungen von weglosen Landschaften, wo alles an einer Klippe über einem Abgrund endet, beschäftigten ihn an den „Enden der Welt“ auch bildliche Darstellungen des Jüngsten Gerichts ebenso wie die administrativen Zustände in Ländern, in denen alles den Bach hinuntergeht. Aber er beschreibt auch, zum Beispiel in Büchern wie „Afghanische Reise“, dass es dabei nicht bleiben muss. Und auch für ihn selbst blieb es in diesem Punkt nicht beim Schreiben.

          Wer ihn im Fernsehen erlebte, als Moderator von Talkformaten wie „0137“, „Willemsens Woche“ oder auch „Aspekte“, wie er, manchmal mit gespielter Unbeholfenheit, aus der urplötzlich ein rhetorischer Funkenschlag erwachsen konnte, sich und die von ihm Befragten tatsächlich auf Neuland führen konnte, der musste den Eindruck gewinnen, dass hier ein Intellektueller mit jedem Satz den Nachweis erbringen wollte, dass eine Diskussion eben nicht um ihrer selbst willen da sei und folgenlos bleiben müsse.

          Er glaubte nicht, dass Bildung im Fernsehen entweder nichts zu suchen hätte oder aber verbiestert und eifernd daherkommen müsse. Und während andere in Formaten wie „Achtung, Klassik!“ die Sache der E-Musik geradezu defensiv und beinahe entschuldigend verfochten, brauchte Willemsen für das Wort, für komplexe Gedankenwege nicht groß zu werben. Man musste ihm nur zuhören.

          Im Pompösen das Lächerliche aufdecken

          Willemsen konnte rigoros und zornig werden, wo er Leichtfertigkeit und Achtlosigkeit der einen, die es sich leisten konnten, mit den anderen, die darunter litten, wahrnahm, und setzte seine publizistischen Mittel dagegen ein – etwa in den Gesprächen, die er mit ehemaligen Häftlingen aus Guantánamo führte. Er konnte sich zugleich mit großer Spielfreude den Dingen zuwenden, in denen er das Potential sah, aktualisiert zum Funkeln gebracht zu werden. Vor allem wenn es darum ging, im Pompösen mit mildem Spott das Lächerliche aufzudecken, allen voran in seiner gereimten Karl-May-Exegese „Ein Schuss, ein Schrei“, wo eine stereotype Indianerszene wie folgt auf den Punkt gebracht wird: „Ihm bleibt nur noch die Qual der Wahl / Selbstmord oder Marterpfahl. / Wo man ihn trotz seiner Wunden / Unumwunden festgebunden.“ Gut möglich, dass das Werk Karl Mays eines Tages nur noch in dem schmalen Band Roger Willemsens seine Leser findet.

          Die Maximen, nach denen er erzogen worden ist, hat er einmal im Rückblick als „Erzeugung von schlechtem Gewissen“ bezeichnet und hinzugefügt: „Es braucht ein Leben, das abzuwerfen.“ Willemsens Eifer, künstlerische, intellektuelle und nicht zuletzt karitative Herausforderungen anzunehmen, mag man als Nachwirkungen dieser Erziehung betrachten; die Freiheit aber, die ihm zugleich auch daraus erwachsen ist, als die Überwindung jener Pädagogik. Am Sonntag ist Roger Willemsen in der Nähe von Hamburg gestorben.

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