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Roboterjournalismus : Prosa als Programm

  • -Aktualisiert am

Der Roboter Garco, eine ferngesteuerte Maschine, machte 1954 als „Hollywoods erster Presseagent“ Werbung für den Science-Fiction-Film „Gog“ – hier zusammen mit Sally Mansfield Bild: Bettmann Archive

Millionenfach schreiben Computer heute standardisierte Sport- und Finanzberichte. Erkennen Leser den Unterschied?

          Dieser Text ist von Menschenhand geschrieben. Das ist heute keine Selbstverständlichkeit. Immer mehr Texte werden von Computern generiert. Die amerikanische Nachrichtenagentur AP setzt eine Software der Firma Automated Insights ein, die pro Quartal rund 4000 standardisierte Sport- und Finanzberichte erzeugt. Reporter schaffen nur ein Zehntel dieses Pensums. Bis 2020 will die AP 80 Prozent ihres Nachrichtenangebots automatisieren. Damit sollen Kapazitäten für Journalisten freigesetzt werden, die sich anderen Tätigkeiten widmen können – etwa der investigativen Recherche. Auch namhafte Medien wie „Forbes“, „New York Times“ und „Los Angeles Times“ sind schon dazu übergegangen, Teile ihrer Nachrichtenproduktion zu automatisieren.

          Roboterjournalisten haben einen entscheidenden Vorteil gegenüber menschlichen Autoren: Sie sind billiger, produktiver, machen keine Flüchtigkeitsfehler und streiken nicht. Statt einen freien Mitarbeiter für schmales Zeilengeld zu einem Amateurturnier zu schicken, kann eine Software die Daten zu einem Spielbericht aggregieren und so auch über Ereignisse berichten, über die man sonst vielleicht nicht in der Zeitung lesen würde. Auf Grundlage computerlinguistischer Verfahren und syntaktischer Regeln setzt die Software strukturierte Daten in Schablonen und fügt sie zu einem logisch kohärenten Text. Doch erkennt der Leser, ob ein Computer oder ein Mensch den Artikel verfasst hat? Und spielt das eine Rolle?

          Ein Algorithmus für „Anna Karenina“

          Die „New York Times“ hat diese Frage in einem instruktiven Quiz („Did a Human or a Computer Write This?“) auf die Probe gestellt. Die erste Frage beginnt mit einer dürren Meldung im Telegrammstil. „Ein Erdbeben der Stärke 4,7 auf der Richterskala wurde am Montagmorgen fünf Meilen von Westwood, Kalifornien, laut US Geological Survey gemeldet. Das Beben ereignete sich um 6.25 Uhr pazifischer Zeit in einer Tiefe von fünf Meilen.“ Verfasst wurde die Meldung von einem Algorithmus namens „Quakebot“, der in Echtzeit seismografische Daten bezieht und sie nach vorgefertigtem Muster zu einem Text zusammenbaut. Der Bot ist so programmiert, dass er auf einen Alarm des U.S. Geological Survey reagiert. Es dauerte nur drei Minuten, bis die „Los Angeles Times“ die Meldung in ihrer Online-Ausgabe veröffentlichte. Wäre die Meldung nicht mit dem Hinweis versehen gewesen, hätte der Leser die maschinelle Urheberschaft des Texts wohl kaum erkannt.

          Das zweite Textbeispiel erweist sich als etwas komplizierter: „Apples Gewinne während der Ferienzeit für 2014 waren rekordverdächtig. Das Unternehmen machte 18 Milliarden Euro Gewinn bei 74,6 Milliarden Umsatz.“ Auch hier könnte man angesichts des abgehackten Stils einen Bot am Werk vermuten. Doch die Meldung wurde von einem Redakteur des „Business Insider“ geschrieben. Knifflig wird es bei einer Textpassage, die zunächst nach Prosa klingt: „Kitty konnte lange Zeit nicht einschlafen. Ihre Nerven waren dünn wie Drahtseile, und selbst ein Becher Glühwein, den Vronsky ihr zubereitete, half ihr nicht.“ Der Text hebt sich stilistisch vom Baukastenmodell der Bots ab. Und doch stammt auch er von einer Maschine. Die russische Novelle „True Love“ wurde von einem Computer geschrieben – 320 Seiten in 72 Stunden. Das Werk ist eine Abwandlung von Tolstois Roman „Anna Karenina“, geschrieben im Stil des japanischen Autors Haruki Murakami. Literaturnobelpreisverdächtig ist das zwar nicht. Doch das Quiz macht deutlich, wie sehr die Grenzen zwischen menschlicher und automatisierter Textproduktion verschwimmen.

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