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Langfristig geplant : Blog meldet erfundenen Terroranschlag in Mannheim

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Die Mannheimer Einkaufsstraße Planken, im Hintergrund der Wasserturm: In dieser Stadt soll der erfundene Anschlag stattgefunden haben. Bild: dpa

Am frühen Morgen meldet der „Rheinneckarblog“ mit drastischen Worten einen verheerenden Terroranschlag in Mannheim. Allerdings war alles erfunden. Jetzt gibt es heftige Wortgefechte.

          „Ehrlich, transparent, hintergründig“ – so beschreibt sich der journalistisch agierende „Rheinneckarblog„ selbst. Doch nach dem Vorfall der letzten Nacht werden dem Betreiber Hardy Prothmann Panikmache und Clickbaiting vorgeworfen: Sein Blog hatte vom angeblich „größten Terroranschlag in Westeuropa“ berichtet. Die Rede war von rund 50 Angreifern, die in Mannheim mit Messern und Macheten mehr als 130 Menschen getötet und viele verletzt hätten. Die Antiterroreinheit sei bereits im Einsatz.

          Besorgte Leser meldeten sich bei der Polizei und fragten nach, doch dort konnte man sofort Entwarnung geben: Nichts davon entsprach der Wahrheit. Fake News, könnte man sagen, doch Prothmann spricht von „Gonzo-Journalismus“. Er habe das alles langfristig geplant und habe die Behörden, den Oberbürgermeister und den Polizeipräsidenten vorher von seinem Plan informiert, diese Meldung abzusetzen. Abhalten konnte ihn niemand, obwohl alle Bedenken äußerten.

          Nur hinter der Paywall zugänglich

          Prothmann erklärte, der Leser habe am Text erkennen können, dass der Anschlag erfunden sei. Allerdings war der Text nur hinter einer Paywall zugänglich – wer kein Abonnent ist und es nicht werden wollte, sah nur die Meldung und konnte sie durchaus für bare Münze nehmen. Mit seiner Aktion habe er Aufmerksamkeit erzeugen wollen, zum einen für mögliche Bedrohungslagen, aber auch für Fake News, schrieb der Betreiber später auf seinem Blog, der wegen überlasteter Server hin und wieder nicht erreichbar ist. Da war die Situation bereits eskaliert. Auf Facebook lieferte er sich heftige Wortgefechte mit Kommentatoren, beschimpfte einzelne und drohte ihnen Prügel an.

          Der Vorsitzender des Deutschen Journalistenverbandes, Frank Überall, äußerte sich im „Deutschlandfunk“ entsetzt über das Vorgehen. „Das hat mit Journalismus nichts zu tun“, erklärte er. „Medien können und sollen gerne auch zugespitzte Debattenbeiträge veröffentlichen. Das muss dann aber klar erkennbar sein. Die Bevölkerung mit einem derart realistisch beschriebenen Horrorszenario zu konfrontieren, ist allenfalls politischer Aktivismus, der geeignet ist, das Vertrauen in die Medien und ihre Macher nachhaltig zu gefährden."

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