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Revolution beim „Journal“ : Murdochs globale Pressemarke

Verordnete eine Revolution beim Wall Street Journal: Rupert Murdoch Bild: dpa

Unter der neuen Chefredaktion hat das „Wall Street Journal“ sich massiv verändert - durchaus zu seinem Vorteil. Die „New York Times“ bekommt eine starke Konkurrenz, das hat auch die Berichterstattung zu den amerikanischen Vorwahlen gezeigt.

          Der Vorteil bei Revolutionen, wenn sie von oben durchgesetzt werden, ist ihr geordneter Verlauf. Eine sehr geordnete Revolution vollzieht sich seit einigen Monaten beim „Wall Street Journal“. Und dabei wird nichts zerstört, was hinterher aus Einzelstücken wieder zusammengesetzt werden müsste, es wird entschlossen ausgebaut, ohne das Bestehende umzuwerfen.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Mancher erinnert sich vielleicht noch: Als sich der aus Australien stammende amerikanische Medienmogul Rupert Murdoch vor gut einem Jahr ins Zeug legte, das Unternehmen „Dow Jones & Company“ und dessen publizistisches Schlachtschiff „Wall Street Journal“ seinem Medienimperium „News Corporation“ einzuverleiben, wurde von manchen ein Armaggedon für konservativen Printjournalismus in englischer Sprache vorausgesagt. Murdoch werde das Traditionsblatt seinem Hang zum Boulevard, auch seinen „wirtschaftlichen Interessen“ opfern.

          Eine „vollgültige“ Qualitätszeitung

          Wie auch immer, Murdoch kaufte Anfang August 2007 „Dow Jones“ und das „Wall Street Journal“ für gut 5,6 Milliarden Dollar, und seither ist das Blatt so verändert worden, dass es kaum wiederzuerkennen ist. Mit einer Auflage von mehr als zwei Millionen Exemplaren täglich ist das „Journal“ nach „USA Today“ (mit knapp 2,3 Millionen Auflage) und weit vor der „New York Times“ (mit gut 1,1 Millionen Exemplaren) die zweitgrößte Tageszeitung Amerikas. Doch in den zwei Jahrzehnten vor der Übernahme durch Murdoch hatten sich das Blatt und „Dow Jones“ keineswegs günstig entwickelt - was nicht zuletzt an der Zerstrittenheit und verlegerischen Unentschlossenheit der Mehrheitseigner von der Bancroft-Familie lag, die sich sehr um ihre „wirtschaftlichen Interessen“, aber nur wenig ums verlegerische Profil des Blattes und um die Wachstumsaussichten des Finanzinformationsdienstes „Dow Jones“ gekümmert hatten.

          Wohin Murdoch das „Journal“ führen will, ist spätestens seit Beginn des Vorwahlkampfes zwischen Barack Obama und Hillary Clinton klargeworden: Aus dem in mancher Hinsicht grauen Wirtschafts- und Finanzblatt, dessen charakteristisches Bildelement die typischen, nach Art von Radierungen gezeichneten einspaltigen Porträts waren, ist eine „vollgültige“ Qualitätszeitung für Politik, Wirtschaft und Kultur mit bunten Fotos und übersichtlichen Graphiken geworden; nur beim Sport hapert es weiter arg, aber auch dafür sollen Murdoch und die von ihm installierte Redaktionsführung Ausbaupläne haben.

          Eine publizistische Offensive

          Am auffälligsten ist der Ausbau des politischen Teils, der das erste Buch dominiert, Wirtschafts- und Finanznachrichten sind in die beiden folgenden Bücher „Market Place“ und „Money and Investing“ relegiert. Die einst bleigraue erste Seite kommt seit langem nicht mehr ohne zwei- bis dreispaltiges Farbfoto aus, oft sind es sogar zwei, hinzu kommt eine Infographik, und auch der gezeichnete Porträtkopf als Markenzeichen fehlt nur selten. Die neuen und die alten Elemente - zu den Letzteren gehören die beige unterlegten beiden ersten Spalten mit der ausführlichen, kommentierten Inhaltsangabe - harmonieren meist erstaunlich gut. Das gilt für die Aufschlagsseite wie für das Blattinnere.

          Es ist kein Zufall, dass die inhaltlich und stilistisch beste Analyse, was zum Scheitern des Wahlkampfes und der Präsidentschaftskandidatur von Hillary Clinton geführt hat, schon am Mittwoch im „Journal“ - von Jackie Calmes - zu lesen war, während die „New York Times“ und die „Washington Post“ sowie die wichtigen Zeitungen an der Westküste entweder einen Tag länger brauchten oder wie üblich etwas zu geschmäcklerisch und pointenverliebt schrieben. Fast täglich brachte das „Journal“ Sonderseiten zum Wahlkampf, dazu politische Nachrichten aus den Vereinigten Staaten und aus aller Welt, die nur im Ausnahmefall wirtschaftlich geprägt waren. Schon jetzt kann man sagen, dass das „Journal“ die Umwandlung vom Finanz- und Wirtschaftsblatt zur klassischen, von politischen Nachrichten dominierten Tageszeitung vollzogen hat. Und schon jetzt konkurriert das „Journal“ als politisches Blatt an vielen Tagen auf gleicher Augenhöhe mit der „New York Times“, auf welche die publizistische Offensive Murdochs und seines neuen Chefredakteurs Robert Thomson unverkennbar zielt.

          Markenzeichen der „News Corporation“

          Zu dieser Offensive gehört auch der Ausbau des Meinungs- und Kommentarteils von zwei auf drei Seiten. Dabei ist nicht nur eine Vermehrung der konservativen Meinungsstücke zu verzeichnen, die das erfrischende Markenzeichen des „Journals“ in einem monotonen Chor der linken Kommentarspalten der maßgeblichen Blätter sind. Es kommen auch mehr liberale und linke Stimmen zu Wort. Jedoch nicht in den namentlich nicht gezeichneten Leitartikelspalten der zweiten „Opinion“-Seite, wo die Freibeuter des Freihandels, die Feinde von Steuern, Abgaben und Staatsbürokratie sowie die bekennenden UN-Hasser sich gegenseitig befeuern. Wo könnte man sonst einen erregten Kommentar darüber lesen, dass der katholische Befreiungstheologe und einstige führende Sandinist, Träger der Lenin-Preises von 1985 und heutige nicaraguanische Außenminister Miguel d'Escoto Brockmann zum Präsidenten der UN-Vollversammlung gewählt wurde - und dass der Vertreter Washingtons nicht einmal empört aus dem Saal gestürmt sei?

          Die wichtigste personelle Entwicklung ist selbstredend die Ernennung des 47 Jahre alten Australiers Robert Thomson zum Chefredakteur, der am 21. Mai offiziell die Nachfolge des zurückgetretenen Marcus Brauchli antrat. Wie man hört, ist der ehemalige Chef der ebenfalls zum Hause Murdoch gehörenden Londoner „Times“ von den Redakteuren im Hauptquartier des „Journal“ in Manhattan mit Wohlwollen aufgenommen worden. Die Umgestaltung des „Wall Street Journal“ für den amerikanischen Markt dürfte auch für die europäischen und asiatischen Ausgaben des Blattes Vorbild sein: Das „Journal“ soll offenbar zum globalen Markenzeichen der „News Corporation“ für gedruckten Qualitätsjournalismus ausgebaut werden.

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