https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/revolte-beim-spiegel-225-redakteure-proben-den-aufstand-13110600.html

Revolte beim „Spiegel“ : 225 Redakteure proben den Aufstand

Nicht einig: Beim „Spiegel“ herrscht Streit über das Konzept der Digitalisierung Bild: dpa

Beim „Spiegel“ brennt die Luft: Am Freitag stimmen die Gesellschafter des Magazins über den Plan für den digitalen „Spiegel 3.0“ ab. Sagen sie Nein, ist der Chefredakteur Wolfgang Büchner erledigt. Das wäre im Sinne vieler Redakteure – sie formulieren eine dramatische Resolution.

          5 Min.

          Wenn 225 „Spiegel“-Redakteure sich einig sind, will das schon etwas heißen. Am Donnerstagabend ist es so: 225 Redakteure des Magazins und eine ganze Reihe von Mitarbeitern aus der Dokumentation und den Sekretariaten fordern die Vertreter der Mitarbeiter KG auf, beim Treffen der Gesellschafter am Freitag den Plan des Chefredakteurs Wolfgang Büchner für einen „Spiegel 3.0“ abzulehnen. Der Gesamtbetriebsrat fordert dies auch.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Der Plan sieht (unter anderem) vor, dass die Ressortleiter beim „Spiegel“ künftig gleichermaßen für das gedruckte Magazin und für den Online-Auftritt verantwortlich tätig sind. Das ist ein Teil des großen Digitalisierungskonzepts, das Büchner und der Geschäftsführer Ove Saffe vertreten. Lehnen die Gesellschafter dieses am Freitag ab, wären damit auch die Tage des Chefredakteurs Büchner gezählt, er müsste gehen. Die Revolte eines Großteils der Print-Redakteure – die „Spiegel Onliner“ denken zumeist ganz anders – hätte Erfolg gehabt.

          Zuletzt stand es unentschieden

          In der Haut der fünf Vertreter der Mitarbeiter KG möchte man nun nicht stecken. Auf ihnen lastet ein enormer Druck und auf ihre Stimmen kommt es an. Denn es ist nicht anzunehmen, dass die anderen Gesellschafter – Gruner + Jahr und die Augstein-Erben – dem Chefredakteur Büchner und dem Geschäftsführer Saffe den Boden unter den Füßen wegziehen. Sie dürften die Pläne für den „Spiegel 3.0“ vielmehr unterstützen. In der Führung der Mitarbeiter KG schien es zuletzt unentschieden zu stehen: zwei Vertreter für den Büchner-Saffe-Kurs, zwei dagegen, einer unklar. Dass sie den „Spiegel 3.0“ ablehnen sollen, wird ihnen von einem Teil der Belegschaft und dem Betriebsrat nun überdeutlich gemacht.

          Der „Spiegel 3.0“ oder das „Projekt Eisberg“ ist das Unterfangen, dessentwegen die Gesellschafter des „Spiegel“ Büchner geholt haben. Ihm, der als Chefredakteur der Deutschen Presse-Agentur einen exzellenten Vorlauf hatte, soll gelingen, was bislang noch niemandem glückte – den gedruckten „Spiegel“ und „Spiegel Online“ aufeinander abzustimmen und einen „Spiegel“ fürs digitale Zeitalter aufzulegen, ein Magazin, das auf dem Papier beginnt und in das man im Internet richtig eintauchen können soll – um auch dort Leser zu finden, die für das Angebot zahlen.

          Ein Himmelfahrtskommando

          Das klingt gut, das ist die Quadratur des Kreises, das ist die Frage, an der sich die Zukunft von Pressehäusern entscheidet, von denen manche gar keine publizistischen Konkurrenten und auch nicht die übermächtigen Online-Konzerne brauchen, um schlecht auszusehen. Sie zerfallen in Fraktionen, ergehen sich in Machtkämpfen und zerlegen sich selbst. Beim „Spiegel“ kann man sehen, wie das geht. Es ist ein Exempel für das Ringen um die Kultur des Qualitätsjournalismus. Dabei treffen Online-Redakteure, denen alles nicht schnell genug gehen kann, auf Traditionalisten, die in ihrem Kontor gerne den Kaffee serviert bekämen, mit der richtigen Zahl von Zuckerstückchen, bitte.

          Das war die Ausgangslage für Büchner beim „Spiegel“. Sie war schwierig genug, zumal diejenigen, die er für seinen Plan gewinnen muss, in einer starken Position sind. Die Redakteure des gedruckten „Spiegel“ sind (wie auch Mitarbeiter im Verlag) Gesellschafter, die von ihnen gebildete Mitarbeiter KG hält mit 50,5 Prozent der Anteile die Mehrheit, der Verlag Gruner + Jahr mit 25,5 Prozent und die Erben von Rudolf Augstein mit 24 Prozent kommen hinzu.

          Digitalisierungsplan steht nach wie vor

          Gegen die Mitarbeiter KG geht im „Spiegel“ nichts, und so war es auch selbstverständlich, dass der Geschäftsführer Ove Saffe am vergangenen Dienstag die fünf Vertreter der Mitarbeiter KG über den betriebsintern entscheidenden Schritt in Sachen „Spiegel 3.0“ informierte: Alle Ressortleiterstellen sollen neu ausgeschrieben werden, und die Ressortchefs sollen für die Mitarbeit am gedruckten Magazin und am Online-Auftritt verantwortlich sein. Bislang hatte es geheißen, dass die Redaktion des „Spiegel“ und von „Spiegel Online“ nicht fusioniert werden. Mit dem neuen Zuschnitt der Ressortleiterposten sieht das mit einem Mal schon etwas anders aus. Es wäre schön, wenn auch nicht zwingend, wenn sich die Mitarbeiter KG noch in dieser Woche dazu verhalten könne, soll der Geschäftsführer Saffe gesagt haben.

          In der Redaktion mutmaßen viele, dass Büchner und Saffe ihre Kritiker auf diese Weise fix erledigen wollen. Die Ressortleiterstellen sind beim „Spiegel“ seit jeher auf zwei Jahre befristet. In der Regel ist es jedoch so, dass jemand auf seinem Posten bleibt, wenn er den Job gut macht. Dass sich jetzt alle, wie es heißt, bewerben „können“, wird als Wink mit dem Zaunpfahl verstanden: Ob ihr geht oder bleibt, hängt jetzt von uns ab, vom Chefredakteur und vom Geschäftsführer. Das nennt man: die Instrumente zeigen.

          Es könnte auch eine Retourkutsche sein. Vor ein paar Wochen waren nämlich drei Ressortchefs bei dem Geschäftsführer Saffe vorstellig geworden, um diesem zu bedeuten, dass es mit dem Chefredakteur Büchner nicht mehr gehe. Die Vorstellung, dass dies zu Büchners Rauswurf führen könne, war allerdings ein wenig sonnig. Der Geschäftsführer Saffe hatte sich schon zuvor eindeutig als Unterstützer des Digitalisierungsplans gezeigt.

          Keine Kommunikationsbereitschaft

          Um den gehe es auch gar nicht, sagen die Kritiker. Es gehe darum, dass Büchner für dieses Unterfangen nicht der richtige Mann sei, dass ihm die nötige journalistische Statur fehle, den „Spiegel“ zu führen, dass er nicht kommuniziere, die Redaktion nicht einbinde und einsame Entscheidungen fälle. Dass er kluge Blattmacher wie den einstigen stellvertretenden Chefredakteur Martin Doerry schnöde zurück ins Glied befördert habe.

          Dass er nicht wisse, wie das Magazin „Spiegel“, ja nicht einmal, wie recherchierter Magazin-Journalismus funktioniere. Doch man kann beim „Spiegel“ genauso hören, dass noch immer nicht alle verstanden hätten, was die Stunde geschlagen habe und die Zeit des süßen Publizierens vorbei sei. Büchner sei nur das nächste potentielle Opfer in einem internen Selbstzerstörungsprozess.

          Wie tief der Graben ist, zeigte sich am Mittwoch, als der Chefredakteur die Ressortchefs über die jüngsten Schritte informierte. Da marschierte gleich die halbe Redaktion auf. Die Kollegen von „Spiegel Online“ setzten sich zu Büchner an den Tisch, die Ressortchefs des Blattes taten es nicht. Beim „Spiegel“ ist nicht nur das Tischtuch zerschnitten, man sitzt sich nicht einmal mehr gegenüber.

          Ein schlimmes Ende?

          Es wäre allerdings falsch, zu denken, beim „Spiegel“ heiße es nun: einer gegen alle. Es heißt vielmehr: Redakteure des gedruckten Magazins gegen (finanziell und machtpolitisch sehr viel schlechter gestellte) Redakteure von „Spiegel Online“ und gegen Mitarbeiter des Verlags. Es sind mindestens drei Fraktionen, und die Fraktionsbildung verläuft auch nicht geschlossen.

          Das Fatale ist, dass die Strukturreform des „Spiegel“, die angeblich alle wollen, immer gleich eine Macht- und eine Personalfrage ist. Man fragt sich, wer das eigentlich machen soll – dem „Spiegel“ eine neue Façon geben, die allen frommt und zugleich die unbestrittenen Qualitäten des Blattes hervorkehrt, ja sogar stärkt. Das muss in diesem hierarchiegläubigen Laden schon ein Super-Zampano sein, der besser als alle andere schreibt, der sie alle vierundzwanzig Stunden am Tag bei Laune hält und immer weiß, wo es lang geht – mit der nächsten Titelgeschichte und mit dem Management des großen Ganzen.

          Stimmt die Geschäftsführung der Mitarbeiter KG für die (arbeitsrechtliche heikle) Neuausschreibung der Ressortleiterposten, sitzt ihr die große Fraktion von Redakteuren des Magazins im Nacken und wird garantiert als nächstes fordern, dass die Chefs der Mitarbeiter KG gehen. Stimmen die Fünf der Mitarbeiter KG gegen den „Spiegel 3.0“, dürfte das zumindest für den Chefredakteur Büchner der Moment der Wahrheit und des Abgangs sein. Doch kann sich der Verlag seine (auch finanziell teure) Demission leisten? Und ohne Ove Saffe dastehen, der den Verlag in den letzten Jahren durch so manche Krise gebracht hat und die Flinte nicht so schnell ins Korn wirft? Und was kommt dann? Ein Neustart aus rauchenden Trümmern? Man kann zurzeit leider gar nicht erkennen, wie das beim „Spiegel“ gut ausgehen soll.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Zeremonie zu Beginn der Nord-Stream-Verlegung

          Deutsche Öl- und Gaspipelines : Russische Röhren in Deutschland

          Nord Stream 2 zeigt, wie Pipelines zum Politikum werden. Dabei dominieren Öl und Gas aus Russland den deutschen Markt – und die Ostseeleitung ist bei weitem nicht die einzige Röhre, die staatsnahe russische Konzerne in Deutschland betreiben.
          Per Video auf den Parteitag: Ricarda Lang

          Nouripour und Lang : Das sind die künftigen Vorsitzenden der Grünen

          An diesem Samstag wählen die Grünen Omid Nouripour und Ricarda Lang zu ihren neuen Vorsitzenden. Sie sollen nicht in die Fußstapfen von Habeck und Baerbock treten – sondern den Ärger abfangen, der womöglich bald den Ministern gilt.
          Michael Degen

          Michael Degen im Gespräch : Warum habe gerade ich überlebt?

          Der Schauspieler Michael Degen ist dem NS-Terror in Berliner Verstecken entkommen. Jahrzehntelang konnte er darüber nicht sprechen: Was ihn am Leben hielt – und ihn heute mehr denn je sorgenvoll in die Zukunft blicken lässt.