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Fritz Pleitgen wird achtzig : Reporter von Welt, Intendant von Statur

Fritz Pleitgen in einem Interview Ende Februar Bild: dpa

Als Reporter zählte er zu denen, die unseren Blick auf Osteuropa und Amerika mitbestimmt haben, als WDR-Intendant hatte er es mit Leo Kirch und einem Schleichwerbeskandal zu tun: zum Achtzigsten des Weltreporters Fritz Pleitgen.

          Fritz Pleitgen kann von sich sagen, was nicht vielen vergönnt ist. Er hat sich nie aufgedrängt, sondern ist immer gerufen worden, auf Posten, die der Berufung entsprachen, die er schon als Vierzehnjähriger verspürte: Reporter zu sein, als Korrespondent unterwegs zu sein und den Leuten Geschichten zu erzählen von fremden Menschen und Ländern, das große Ganze in kleine Stücke zu packen, mit denen er eine Ära des deutschen Fernsehjournalismus mitgeprägt hat.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Das hat Fritz Pleitgen hinbekommen, mit Fleiß, Sendungsbewusstsein und dem Geschick, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, mit den sogenannten kleinen Leuten wie mit den Politgrößen. Das war für einen ARD-Korrespondenten in Moskau, wo Pleitgen 1970 anfing, in Ost-Berlin, wohin er 1977 wechselte, und auch in Washington, wo er 1982 Station bezog, nicht selbstverständlich. Pleitgen kam mit Breschnew, Honecker oder Krenz ins Gespräch. Dahinter steckte harte Arbeit, stets begleitet von den Observanten der Geheimdienste und von der Kritik daheim, die darauf hinauslief, dass sich der Korrespondent Pleitgen, der wegen Willy Brandt in die SPD eingetreten und ein Unterstützer der Ostpolitik war, nicht hart genug mit dem Ostblock auseinandersetzte. Dabei hatte Pleitgen stets einen Blick für die Dissidenten und die Opposition; über welches diplomatische Geschick ein Korrespondent in dieser Zeit verfügen musste, lässt sich heute kaum ermessen. Mit dem inzwischen verstorbenen Klaus Bednarz und Gerd Ruge zählte Pleitgen jedenfalls zu den großen ARD-Reportern, die den Blick von mehr als einer Generation von Zuschauern auf Osteuropa (und Amerika) mitbestimmt haben. Ohne Pleitgen, schrieb Hans Leyendecker einmal zutreffend in der SZ, wirke der Rote Platz doch irgendwie leer.

          Prägenden Eindruck hinterließ Pleitgen auch auf den Hierarchenposten, die er von 1988 an bekleidete. Zuerst als WDR-Chefredakteur, dann als Hörfunkdirektor, als welcher er ein Wortprogramm und die Jugendwelle 1live ins Leben rief. Von 1995 an warf er sich als WDR-Intendant in die medienpolitischen Schlachten mit den Bundesländern und dem damals noch mächtigen Medienunternehmer Leo Kirch. Da war Pleitgen am richtigen Platz, in einer Zeit, in der sich die ARD von dem Schock, den der zwischenzeitliche Erfolg der Privatsender ausgelöst hatte, langsam erholte. Abgeben musste sich Pleitgen freilich auch mit dem größten Schleichwerbeskandal, den der Senderverbund bis dato gesehen hatte – die mehreren ARD-Sendern gehörende Produktionsfirma Bavaria hatte jahrelang auf obskuren Wegen Reklame in Sendungen geschmuggelt. Das sei der „schwerwiegendste Fall“ gewesen, mit dem er es je zu tun hatte, sagte Fritz Pleitgen später.

          Auf dem Bildschirm blieb er, der im Alter von vierzehn als Sportreporter auflief (und für seinen ersten Bericht ein Ticket als normaler Zuschauer fürs Fußballspiel löste), die Schule in der zwölften Klasse verließ und 1963 nach einem Volontariat bei der „Freien Presse“ in Bielefeld beim WDR-Fernsehen angefangen hatte, auch noch als Intendant präsent. Im Dezember 2006 moderierte Pleitgen nach rund dreihundert Sendungen seinen letzten „Presseclub“. Im Jahr darauf ließ er sich noch einmal ins Geschirr nehmen und übernahm die Geschäftsführung der „Ruhr. 2010 – Kulturhauptstadt Europas“, worum ihn ob seines Ansehens führende Politiker und Wirtschaftsleute gebeten hatten. Da sagte Pleitgen, der am 21. März 1938 in Duisburg zur Welt kam und dessen Vater bei Krupp gearbeitet hatte, nicht nein. Fritz Pleitgen ist ein Mann von Statur, pflichtbewusst, von seiner Sache überzeugt und von freundlicher Gelassenheit. Er steht für einen Journalismus, der nicht Teil eines sich selbst genügenden Apparats ist und nicht erst Brücken zum Publikum bauen muss, weil er immer schon da ist, wo dieses sich befindet. An diesem Mittwoch wird der Weltreporter Fritz Pleitgen achtzig.

          Fritz Pleitgen, damals ARD-Korrespondent in Ost-Berlin, im Juli 1979 vor dem Staatsratsgebäude am Marx-Engels-Platz

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