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„Reporter ohne Grenzen“ : Es gilt zu verhindern, dass Journalisten verschwinden

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Michael Rediske, Vorsitzender der deutschen Sektion von „Reporter ohne Grenzen” Bild: (c) Dietmar Gust, Berlin

Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ kämpft seit 1991 für die Pressefreiheit weltweit. Heute erhält sie den mit 900.000 Euro dotierten Roland-Berger-Preis für Menschenrechte. Ein Gespräch mit Michael Rediske, dem Vorstandsvorsitzenden der deutschen Sektion.

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          Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ kämpft seit 1991 für die Pressefreiheit weltweit. Heute erhält sie den mit 900.000 Euro dotierten Roland-Berger-Preis für Menschenrechte. 100.000 Euro gehen an die iranische Menschenrechtlerin Shirin Ebadi. Sie ist gerade in das Verteidigerteam eingetreten, dass die in Iran inhaftierte amerikanische Reporterin Roxana Saberi gegen den Vorwurf der „Spionage“ vertritt.

          Herr Rediske, Ihre Organisation erhält den Roland-Berger-Preis für Menschenwürde. Mit 900 000 Euro ist er dotiert. Was werden Sie mit dem Geld anstellen?

          Wir werden weiterhin und vermehrt Journalisten in Gefahr und ihre Familien unterstützen. Wir werden Rechtshilfe leisten, wo Journalisten juristisch verfolgt werden, und wir wollen unsere Flüchtlingsbetreuung ausbauen. Wir helfen Journalisten, die aus ihrem Land flüchten müssen, wir verschaffen Aufenthaltsgenehmigungen und Visa. Von Deutschland aus wollen wir ein Projekt zur Situation der Zeitungen in Russland anschieben, um herauszufinden, wie es nicht nur in Moskau um die Pressefreiheit steht, sondern in den Provinzen, wo unabhängige Zeitungen und Journalisten besonders bedroht sind.

          Achtzig Prozent der Menschen haben keinen oder kaum Zugang zu unabhängiger Berichterstattung. „Reporter ohne Grenzen“ ist 1991 gegründet worden, wie hat sich die Lage der Pressefreiheit seither entwickelt?

          Die Situation hängt immer davon ab, ob demokratische Verhältnisse durchgesetzt werden – wie seinerzeit in Südafrika – oder nicht. In Russland zum Beispiel hat sich die Lage für die Journalisten in den letzten Jahren stetig verschärft. Insgesamt ist die Situation mindestens so bedrohlich wie in den neunziger Jahren. Hinzugekommen sind seit der Jahrtausendwende autoritäre Tendenzen und Kriege, wie im Irak, wo weit über hundert Journalisten umgekommen sind.

          Für das Jahr 2009 zählt Ihre Organisation schon sechzehn getötete Journalisten, 143 sind augenblicklich wegen ihrer Arbeit inhaftiert. Wo sind die Brennpunkte der Presseunterdrückung?

          Die Schwerpunkte liegen im Nahen Osten, in Asien und in Afrika. Wir heben insbesondere die Lage in China hervor, das bei uns im vergangenen Jahr aufgrund der Olympischen Spiele große Aufmerksamkeit erfuhr. In China zeigt sich, dass heute vor allem auch sogenannte Internetdissidenten bedroht und in Haft genommen werden. Inzwischen sitzen in China doppelt so viele Internetdissidenten in Haft wie konventionelle Journalisten.

          Sie haben kürzlich zwölf „Feinde des Internets“ benannt. Wenn ich auf die Liste schaue – China, Burma, Kuba, Ägypten, Iran, Nordkorea, Saudi-Arabien, Syrien, Tunesien, Turkmenistan, Usbekistan und Vietnam –, dann sind diese, wie zu erwarten, identisch mit denen, die auf Ihrer alljährlichen „Liste der Pressefreiheit“ ganz hinten stehen.

          Im Großen und Ganzen kann man das sagen. Aber es gibt Länder, in denen die Pressefreiheit eher mit traditionellen Mitteln unterdrückt wird, indem immer wieder Journalisten ins Gefängnis gesteckt werden. Andere Länder merken – hier nenne ich wiederum China –, dass der gefährlichste Feind eines autoritären Regimes, das Nachrichten unterdrücken will, heute das Internet ist. Doch die beiden Linien beginnen sich zu decken.

          Wo sehen Sie konkrete Erfolge? Wirkt der weltweite, öffentliche Pranger bei autoritären Regimes wirklich?

          Fast alle Journalisten, die in Haft waren und freigekommen sind, sagen uns, dass es gut war, dass wir für sie an die Öffentlichkeit gegangen sind. Der Bekanntheitsgrad eines Falles verhindert nicht selten, dass der Betroffene gefoltert wird oder einfach verschwindet. Wir können nie mit absoluter Sicherheit nachweisen, welche öffentliche Intervention zu Freilassungen führt, weil verschiedene Organisationen sich einsetzen. Aber eine ganze Reihe von Journalisten, die etwa unseren Menschenrechtspreis bekommen haben, ist relativ kurze Zeit später aus der Haft freigekommen. Wir verzeichnen auch kleine Erfolge, etwa wenn wir Anwälte unterstützen, die, wie in der Türkei, Journalisten und Menschenrechtler vertreten, die – bei den bekannten Beleidigungsprozessen – dann freigesprochen werden.

          Fällt Ihnen ein eklatant positives Beispiel ein? Hat sich die Lage der Pressefreiheit irgendwo in der jüngeren Vergangenheit ersichtlich verbessert?

          Vor allem dort, wo Bürgerkriege zu Ende gehen oder abflauen. So ist die erschreckend Zahl von getöteten Journalisten im Irak seit dem vergangenen Jahr allmählich zurückgegangen.

          Die Fragen stellte Michael Hanfeld.

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