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Relotius’ Texte in der F.A.S. : „Nicht meine Worte“

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„Jaegers Grenze“ hieß die Reportage, zu der Claas Relotius und Juan Moreno jeweils einen eigenen Teil beitrugen. Moreno kam der Beitrag seines Kollegen verdächtig vor. Er recherchierte und brachte das Kartenhaus zum Einsturz. Bild: EPA

Auch in der F.A.S. hat Claas Relotius vor einigen Jahren drei Artikel veröffentlicht. Die Existenz der Interviewten ist verbürgt, aber es gibt Unstimmigkeiten. Wir haben die Texte überprüft.

          Am 19. Dezember berichtete „Der Spiegel“ erstmals über den Fall Relotius. Claas Relotius habe „in großem Umfang eigene Geschichten manipuliert“, die in der Zeitschrift erschienen waren. Als Mitarbeiter hatte er seit 2011 und als Redakteur seit 2017 insgesamt sechzig Beiträge für den „Spiegel“ verfasst, größtenteils Reportagen. Nach Darstellung der Zeitschrift wurde Relotius mit Vorwürfen konfrontiert, gestand „weitgehende Fälschungen und Manipulationen“ ein und kündigte sein Arbeitsverhältnis. Der designierte Chefredakteur Steffen Klusmann schrieb am 22. Dezember in einem offenen Brief an die Leser: „De facto müssen wir heute davon ausgehen, dass sämtliche Relotius-Geschichten Fälschungen sind, so wie die in den anderen Medien, für die er geschrieben hat.“ Betroffen ist auch die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, in der 2011 und 2013 insgesamt drei Beiträge von Relotius erschienen sind. Wir haben sie in den vergangenen Wochen überprüft und können nun das Ergebnis mitteilen.

          Er erinnert sich nicht

          Im Politikteil der F.A.S. sind zwei Interviews betroffen, die Relotius 2013 angeboten hatte. Bei den beiden Interviewten handelt es sich um Nebenfiguren der Zeitgeschichte, einen nordkoreanischen Lagerflüchtling und einen ehemaligen Gefängniswärter Nelson Mandelas. Die Existenz beider Personen ist verbürgt, es gibt Bilder und Filme von ihnen. Der Nordkoreaner Shin Dong-hyuk hat auf mehrfache Versuche unseres Hauses, ihn zu kontaktieren, allerdings nicht reagiert. Relotius hatte in der Einleitung geschrieben, er habe Shin in einem „traditionellen koreanischen Café in der Innenstadt von Seoul“ getroffen. Doch ist ebenso gut möglich, dass es nie zu diesem Treffen kam. Denn wesentliche Teile des Gesprächs stehen wörtlich oder sinngemäß in einem Buch, das schon 2012 in Amerika erschienen war und die Lebensgeschichte des Nordkoreaners erzählt. Geschrieben wurde „Escape from Camp 14“ von Blaine Harden, einem erfahrenen Korrespondenten der „New York Times“. Auf Deutsch erschien es 2014 als „Spiegel-Buch“.

          Das zweite Interview, das die F.A.S. von Relotius annahm, wurde angeblich mit Christo Brand geführt, dem ehemaligen Gefängniswärter Nelson Mandelas. Brand hat seine Erinnerungen in dem Buch „Mein Gefangener, mein Freund Mandela“ veröffentlicht; es erschien jedoch erst neun Monate nach dem Interview, auf Englisch und auf Deutsch. Die Redaktion hat Brand gefragt, ob er sich an Relotius und an das Gespräch erinnere. Darauf antwortete er: „Ich kann mich an dieses Interview nicht erinnern, allerdings haben mich 2013 viele Journalisten interviewt, sogar Leute aus Deutschland.“ Auch ein Foto von Relotius erkannte er nicht wieder: „Das Gesicht auf dem Foto ist mir nicht vertraut. Ich kann nicht sagen, ob ich ihn getroffen habe oder nicht.“

          Bei anderen Interviews bedient

          Wir haben das Interview daraufhin ins Englische übersetzt und Brand gebeten, die ihm zugeschriebenen Antworten zu überprüfen. Daraufhin schrieb er uns, „einige Teile des Interviews sind nicht meine Worte“. Zum Beispiel würde er niemals sagen, dass auf Mandelas Hemd eine Gefangenennummer gewesen sei, denn das habe er nie gesehen. „Ich hätte auch nicht gesagt, dass Mandela mich auf Afrikaans begrüßte. Der erste Gefangene, der mit mir Afrikaans sprach, als ich in Sektion B begann, war Andrew Mlangeni.“

          Möglicherweise hat sich Relotius bei anderen Interviews bedient. Sollte er mit Brand gesprochen haben, wären zumindest Teile des Gesprächs gefälscht. Einen solchen Fall gibt es im „Spiegel“. Nach Recherchen der Zeitschrift hat Relotius Teile eines Interviews mit dem letzten noch lebenden Mitglied des Widerstandskreises „Weiße Rose“ frei erfunden.

          Für die Medienseite der F.A.S. schrieb Relotius 2011 über das Blog „Borderland Beat“, das über den Krieg mexikanischer Drogenkartelle berichtet und deshalb ins Visier der Banden gerät. Der Text beruht vor allem auf den Aussagen eines anonymen Bloggers, der sich „Gerardo“ nennt. Weder das Blog noch „Gerardo“ hat sich Relotius ausgedacht: Das Blog gibt es noch heute, ein Autor mit dem Pseudonym „Gerardo“ war damals einer der wichtigsten Mitarbeiter. Über die E-Mail-Adresse, die sich im Netz finden lässt, ist er aber nicht mehr zu erreichen. Die aktuellen Betreiber des Blogs schreiben auf Anfrage: „Wir haben den Kontakt zu Gerardo verloren und sind nicht in der Lage, die Zitate zu bestätigen. Soweit wir dies aber nachvollziehen können, hat ein Interview stattgefunden.“ Im Übrigen beschäftigt sich der Artikel mit teilweise drastischen Fällen von Gewalt und Morden an Bloggern; diese haben sich tatsächlich so ereignet.

          Wir haben Claas Relotius gebeten, uns mitzuteilen, ob seine Beiträge authentisch waren und er die Interviews überhaupt geführt hat. Sein Anwalt teilte uns darauf hin mit, „dass unser Mandant bedauerlicherweise nicht in der Lage ist, Ihre Fragen zu beantworten“.

          Hinweis

          Die drei genannten Texte von Claas Relotius sind auf FAZ.NET nicht mehr abrufbar.

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