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Münchner Filmfest : Hier gibt’s Regisseure zum Anfassen

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Firmen fürchten negative Kommentare

Sie selbst bereitet gerade den Dreh zur Neuverfilmung von „Drei Männer im Schnee“ vor und nahm mit vielen Kollegen an der vom ehemaligen Bavaria-Pressesprecher Marc Haug moderierten Diskussion teil zum Thema „Ausbildung in den Medien – Ziellinie oder Sackgasse?!“ Die anhaltende Selbstausbeutung der Medienschaffenden ist ein Dauerthema, nur kann man diesmal zu konkreten Handlungsanleitungen. Natürlich könne derzeit niemand ernstlich einen Medienjob empfehlen, da war man sich weitgehend einig. Ein Grund dafür sei auch, dass der Gesetzgeber einen Mindestlohn eingeführt habe, der viele Praktikantenjobs nun unmöglich mache, weil andererseits die Gebührenkommission KEF bei der Berechnung der Budgets für Filme genau diese 8,50 Euro pro Stunde nicht mit eingepreist habe. Der Trend zu immer mehr Arbeit in immer kürzerer Zeit scheint vorerst also unumkehrbar. Schnell machte der Begriff der „Anständigkeit“ die Runde. Ausgerechnet die sozialen Medien könnten hier dafür sorgen, dass die fairen von den unfairen Produktionsfirmen unterschieden würden. Marc Haug berichtete aus eigener Anschauung, dass jede Produktionsfirma davor Angst habe, von ehemaligen Mitarbeitern öffentlich negativ bewertet zu werden. „Wenn da zwei, drei, oder vier ehemalige Mitarbeiter über miese Zustände schreiben ist das für jede Firma eine Katastrophe“, sagte Haug.

Trotzdem verschärfen sich die Arbeitsbedingungen auch und gerade durch die vielen hervorragend ausgebildeten Produzenten und Regisseure. Der Chef der bayerischen Filmförderung FFF, Klaus Schaeffer, beschrieb das bei anderer Gelegenheit auf dem Filmfest ganz anschaulich aus seinem Alltag, wo noch bis Juli über die Vergabe der Fördermittel für deutsche Filme entschieden werde, nachdem die Anmeldefrist schon abgelaufen ist: „Wir haben vier bis fünf Millionen fürs nächste Jahr zu vergeben. Aber wir haben so viele Bewerbungen, dass wir zwölf Millionen Euro bräuchten, um allen gerecht zu werden. Und dann stellt sich die Frage. Wer kann die vielen Filme alle zeigen oder senden? Es gibt einfach ein Überangebot.“ Eine Selbst-Kannibalisierung über ein Arbeiten mit immer kleineren Etats ergebe sich da ganz von allein. Und natürlich muss grundsätzlich über Etats nachgedacht werden, wenn Sebastian Schipper beim deutschen Filmpreis mit seinem Berlin-Film „Victoria“ sechs Lolas abräumt und den Film doch mit einer billigen Kamera realisiert hat. Das erzählt man sich natürlich nur hinter vorgehaltener Hand, weil die Sozialisierung der Arbeitsbedingungen es viel leichter macht, einen kinotauglichen Film zu drehen, als wenn man – wie früher – mehrere zehntausend Euro teure ARRI-Kameras kaufen oder mieten musste.

Selfies auf dem roten Teppich

Aber das Münchner Filmfest lebt vor allem von seiner großen Publikumsnähe. Jeden Tag kann, wer will, mit deutschen Filmemachern um 15 oder 16 Uhr im Gasteig über ihre Arbeit diskutieren, wovon am Freitag mit Axel Ranisch (Alki, Alki) und Dietrich Brüggemann (Heil) so viele Leute Gebrauch machten, das die Veranstaltung ausverkauft war. Dasselbe galt für die Samstags-Veranstaltung (u.a Özgur Yildirim „Boy7“).

Die Diskussion mit ihm war am Freitag ausverkauft: Regisseur Axel Ranisch bei den Dreharbeiten zu „Alki, Alki“.
Die Diskussion mit ihm war am Freitag ausverkauft: Regisseur Axel Ranisch bei den Dreharbeiten zu „Alki, Alki“. : Bild: dpa

Als nächste hatten sich die Regisseurinnen von „Mollath“ angesagt und Alexander Costea, für dessen „Die Massnahme“ es auch schnell keine Karten mehr gab. Wer nicht diskutiert, schießt auf dem verwaisten roten Teppich am Gasteig Selfies von sich samt Partner oder schaut abends Open-Air-Kino.

Auf dem Weg zur Premiere ihres Films „«Mollath - und plötzlich bist Du verrückt“ nehmen die Regisseurinnen Leonie Stade (l.) und Annika Blendl (r.) Gustl Mollath zwischen sich.
Auf dem Weg zur Premiere ihres Films „«Mollath - und plötzlich bist Du verrückt“ nehmen die Regisseurinnen Leonie Stade (l.) und Annika Blendl (r.) Gustl Mollath zwischen sich. : Bild: dpa

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