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Regierungskrise in Italien : Schlammcatchen auf der Titanic

Matteo Renzi bei einer Pressekonferenz in Rom. Bild: dpa

Inmitten der Corona-Pandemie geht Italiens Regierung unter. Die Wähler sind entsetzt und fasziniert zugleich, die Presse ist es auch.

          3 Min.

          Kurz nach dem Angriff auf das Kapitol tauchte in Italien in den sozialen Medien eine Videosequenz mit Matteo Renzi aus dem Jahr 2016 auf. Sie zeigt den Vorsitzenden der Partei Italia Viva, damals noch italienischer Ministerpräsident, in einem Gespräch mit der BBC. Renzi ist bekannt für seine Talentlosigkeit bei Fremdsprachen. Selten hat er sie eindrucksvoller demonstriert als in diesem Interview zum Brexit: „First reaction, shock!“ lautet einer seiner Kommentare. Die Sequenz ging sofort viral und wurde für zahlreiche ironisierende Videos über das Geschehen in Washington verwendet. Mittlerweile lacht niemand mehr darüber. Seitdem Renzi die italienische Regierung am vergangenen Mittwoch in die Krise gestürzt hat, ist ,First reaction, shock!‘ für viele Italiener zum geflügelten Wort geworden, mit der sie ihre eigene Gemütslage beschreiben. Ihr Schockzustand ist allerdings ein anhaltender.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wie kann es sein, dass sich nicht nur die politische Führung der Vereinigten Staaten, sondern auch jene Italiens ausgerechnet im dramatischsten Moment der jüngeren Geschichte spaltet, anstatt verantwortungsvoll gemeinsam an der Bewältigung der Krise zu arbeiten?, fragt die politische Wochenzeitschrift „L’Espresso“ und zeigt auf ihrem aktuellen Titel den Protagonisten von Edvard Munchs „Der Schrei“ vor dem Hintergrund der amerikanischen und der italienischen Flagge. In Italien sei die persönliche Fehde zwischen Ministerpräsident Conte und Renzi stärker gewesen als jeder Ruf nach Verantwortung seitens des Präsidenten und der öffentlichen Meinung, stellt Marco Damilano, der Chefredakteur von „L’Espresso“, fest. Er attestiert den beiden „totale Missachtung, wenn nicht gar Verachtung, der Zuschauer“. Die sogenannten Zuschauer, also die italienischen Wähler, sind Regierungskrisen gewohnt. Die jetzige aber, so das Magazin, halten sieben von zehn Italienern in der aktuellen Lage für vollkommen fahrlässig.

          Tatsächlich ist die Kluft zwischen den Anliegen der Politik und jenen der Bürger nie größer gewesen. Und nie war es schwieriger, den Grund der Krise mit herkömmlichen Mitteln zu analysieren. Täglich berichten die italienischen Medien von neuen Gemeinheiten, die einer der beide Streithähne oder deren Unterstützer über den anderen zum Besten gegeben haben sollen. Dabei wollen die Menschen mehr denn je wissen, wie die europäischen Gelder ausgegeben, wie öffentliche Investitionen produktiv gemacht werden oder neue Arbeitsplätze geschaffen werden können. Auf all das bekommen sie keine Antworten. Stattdessen gleicht das politische Geschehen einer Vorabendserie, deren Glück im Mysterium der Protagonisten und der absoluten Sinnlosigkeit der Handlung liegt. Wenn Conte „die Würde des Amts“ beschwört und Renzi melodramatisch mit „Patriotismus“ kontert, dann ist das für viele Italiener nur noch eine Quelle der Belustigung. Trotzdem verfolgen sie weiter wie hypnotisiert die Berichterstattung in den Medien. Die Ohnmacht, die angesichts der globalen Bedrohung empfunden wurde, ist dem Faszinosum über die Niederträchtigkeiten im Regierungspalast und dessen Hinterzimmern gewichen. Die Kinos und Theater sind geschlossen. Stattdessen gibt es jetzt eine Show aus Rom, die man quasi live mitverfolgt, während die Pandemie täglich Hunderte von Menschen das Leben kostet, persönliche Freiheiten einschränkt, die Angst vor Armut wachsen lässt und den Ärzten ethische Entscheidungen darüber auferlegt, wer zu retten ist und wer nicht.

          Die Zeitung „La Repubblica“ sieht den Grund für dieses Paradox vor allem in der Gleichzeitigkeit der Ereignisse: „Das hat nichts mit dem Orchester auf der Titanic zu tun, das noch weiterspielt, wenn das Schiff schon den Eisberg gerammt hat: Hier sinkt es, und die Offiziere an Bord prügeln sich, nicht um zu den Rettungsbooten zu gelangen, sondern weil einer von ihnen die Idee hatte, ein Schlammcatchen zu veranstalten“, heißt es in einem Kommentar. In der politischen Krise liege eine erzählerische Wucht, die die Journalisten als auch deren Publikum verführe. Nach elf langen Monaten, in denen das Tagesgeschehen ausschließlich vom düsteren Drehbuch der Pandemie bestimmt war, verspreche das politische Gerangel endlich Abwechslung.

          Noch die größten Selbstdarsteller der italienischen Politik mussten in den Hintergrund treten. Jetzt sind sie mit unverhohlener Freude auf die Bühne zurückgekehrt, und das alte Programmschema ist erneuert worden. Die Rolle des Bösewichts hat die Berichterstattung längst identifiziert: Die ohnehin schon geringe Popularität von Matteo Renzi ist auf einem historischen Tiefstand angelangt.

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