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Ronald S. Lauder zu Auschwitz : Das Mädchen mit dem roten Mantel

  • -Aktualisiert am

Ronald S. Lauder Bild: AFP

Die Vernichtung der Juden in Auschwitz war das Werk von Deutschen und Österreichern. Möglich wurde das absolute Böse auch, weil Europa und Amerika wegsahen. Ein Gastbeitrag.

          7 Min.

          Als ich vor fünf Jahren vor diesem Schmerzenstor stand, räumte ich ein, dass ich kein Überlebender bin. Aber mein Dank gilt den Überlebenden, die heute unter uns sind. Ich bin kein Befreier, doch ich ehre den Mut der Soldaten, die uns alle gerettet haben.

          Ich bin einfach als Jude hier. Für uns Juden ist dieser Ort, dieser schreckliche Ort namens Auschwitz, ein untrennbarer Teil von uns geworden. Auschwitz gleicht der Narbe einer furchtbaren Wunde. Sie verschwindet nicht, der Schmerz hört nie auf. Ich habe mich immer gefragt: Wäre ich in Ungarn geboren worden, dem Land meiner Großeltern, und nicht im Februar 1944 in New York, hätte ich überlebt?

          Die Antwort lautet: Nein.

          Ich wäre einer der 438.000 ungarischen Juden gewesen, die 1944 hier in Auschwitz von den Nazis vergast wurden. Ich versichere Ihnen, fast jeder Jude denkt über diese Frage nach.

          Als heute vor fünfundsiebzig Jahren sowjetische Soldaten durch dieses Tor traten, wussten sie nicht, was sie erwartete. Und seit jenem Tag versucht die ganze Welt, mit dem fertig zu werden, was sie vorfanden.

          Wir alle fragen uns, wie ein kultiviertes Land, das der Welt große Literatur und Kunst und wissenschaftliche Erkenntnisse schenkte, in einem Zorn, einer Niedertracht, einem abgrundtiefen Bösen wie Auschwitz versinken konnte.

          Ronald S. Lauder´s speech in English language

          Ich fürchte, Auschwitz hat mehr Fragen für uns als Antworten.

          Aber ich möchte klarstellen: Während Deutschland und Österreich dieses unfassbare Böse verursachten, schufen und ausführten, war praktisch jedes andere europäische Land den Nazis bei der Verfolgung seiner jüdischen Bürger behilflich. Zu viele Menschen in zu vielen Ländern machten Auschwitz möglich.

          Und als die europäischen Juden die Welt um Hilfe baten, um einen Zufluchtsort, ließ die ganze Welt sie im Stich.

          Selbst mein eigenes Land, dieser Leuchtturm der Freiheit, löschte für die Juden das Licht, als sie es am dringendsten brauchten.

          Im Juli 1938 organisierten die Vereinigten Staaten eine Konferenz in Evian, auf der über die Krise der jüdischen Flüchtlinge beraten werden sollte. Viele schöne Reden wurden gehalten, doch die Vereinigten Staaten nahmen keine weiteren jüdischen Flüchtlinge mehr auf. Die anderen Konferenzteilnehmer schlossen sich an. Zweiunddreißig Staaten waren vertreten, und keiner half den Verzweifelten - mit Ausnahme der kleinen Dominikanischen Republik. Hitler sah das. Vier Monate später kam die Kristallnacht.

          Auch da reagierte die Welt nicht.

          Hitler stellte die Welt auf die Probe, und jedes Mal erkannte er die Wahrheit: Die Welt war nicht interessiert. Da wusste er, dass er diese Todesfabrik bauen konnte.

          Evian führte zu Auschwitz. Die Kristallnacht führte zu Auschwitz. Der weltweite Antisemitismus führte zu Auschwitz.

          Zum Glück gab es einige anständige Menschen in Europa, die anders handelten. Einfache Leute, die ihr eigenes Leben und das ihrer Angehörigen riskierten, um andere Menschen zu retten. Manchmal Menschen, die sie überhaupt nicht kannten.

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