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„Sächsische Zeitung“ : Suche das Beste, und schreibe darüber

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So lässt sich auch das Problem einer negativen Realitätswahrnehmung adressieren. Daran scheitere in Sachsen viel, sagt Vetterick. Es gebe einige, die gut schimpfen könnten, und wenige, die sich um Lösungen kümmerten. Das Ehrenamt sei chronisch unterbesetzt, zwischenmenschlicher Zusammenhalt fehle. Viele, die Schaffenslust und Gemeinschaftssinn hätten, seien fortgegangen und hätten die Miesepeter zurückgelassen. Das verändere sich langsam, doch sei dies ein Hauptgrund für den Zuspruch für Pegida und AfD. Auffällig sei, dass religiöse Menschen am wenigsten AfD wählten. Den Menschen fehle „Glaube, Liebe, Hoffnung“, sagt Vetterick, der aus Greifswald stammt und eigentlich Theologie studieren wollte. Er kam zum „Greifswalder Tageblatt“, später zur „Bild“-Zeitung, machte eine kurze Stippvisite beim „Tages-Anzeiger“ in Zürich, bevor er im Februar 2007 die SZ übernahm.

1991 war die „Sächsische Zeitung“ privatisiert worden. Davor hatte sie seit 1946 als „Organ der Bezirksleitung Dresden der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“ fungiert. Das Bewusstsein für die neu gewonnene Freiheit ist in der Redaktion bis heute verankert. Die Hierarchien sind flach, die Unabhängigkeit ist heilig. Von den beiden großen Gesellschaftern verspüre man keine inhaltliche Einflussnahme. Seit 1991 hält die SPD aufgrund erfolgreich ausgefochtener Restitutionsansprüche über ihre Medienholding DDVG vierzig Prozent der Verlagsanteile. Vor 1946 war die „Sächsische Zeitung“ zur Hälfte noch die „Volksstimme“ der SPD gewesen. Die anderen sechzig Prozent gehören Gruner + Jahr.

Ein wenig wie gegenüber einer Kolonialmacht

Chefredakteur Vetterick weiß selbstverständlich nur Gutes über die verlegerische Zusammenarbeit zu berichten. Zu einem anderen Zeitpunkt im Gespräch, als es um die Verdrossenheit in Sachsen geht, bemängelt er aber die Fremdbestimmtheit im Osten. Viele leitende Kulturpositionen seien mit Westdeutschen besetzt. Die großen Parteien würden primär aus den alten Bundesländern gesteuert, obwohl Lokalpolitiker um Stimmen werben. Das Verhältnis sei ein wenig wie gegenüber einer Kolonialmacht. Den Leuten gehe es gut, gemessen an Arbeitslosenquoten und Steuereinnahmen, aber „Geld wärmt nicht“. Sachsen hat die geringste Pro-Kopf-Verschuldung in Deutschland, es gibt viel Geld für Kitas und weitere Infrastruktur, doch viele Menschen seien „herzensbitter“, sagt der Greifswalder.

Dass sich die AfD großer Popularität erfreut, wundert Vetterick nicht. Gemeinsam mit der Universität Leipzig hat die SZ tausend AfD-Wähler und tausend Nicht-AfD-Wähler befragt und festgestellt, alle sähen dieselben Probleme, aber nur die eine Hälfte traue der AfD zu, diese zu lösen. Trotz aller Politisierung, sagt Vetterick, müsse man weiter streng journalistisch arbeiten. Das bedeute, Menschen mit Machtanspruch persönlich und inhaltlich zu konfrontieren, aber auch, differenziert mit Sympathisanten umzugehen. Man befasse sich ausführlich mit den Lebensläufen und Strafakten der oft unterqualifizierten Amtsanwärter der AfD, aber eben auch mit den Anliegen der Wähler.

Inwieweit die Leser der „Sächsischen Zeitung“ potentielle AfD-Wähler sind, will Vetterick nicht mutmaßen. Er verweist aber darauf, dass bei fünfundzwanzig Prozent pro AfD noch fünfundsiebzig Prozent der Wähler in Sachsen übrig blieben.

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