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„Sächsische Zeitung“ : Suche das Beste, und schreibe darüber

  • -Aktualisiert am

Der Musikkritiker, der, eben noch beseelt von gutem Expertenfeedback, plötzlich betrübt um seinen Job fürchte, könne also beruhigt sein, sagt Chefredakteur Vetterick. Neun Prozent Lesequote seien für Klassik ein sehr guter Wert, nicht ein sehr schlechter. Solche Daten seien hilfreich, um digitale Ergebnisse einzuordnen. In der Mischung aus Messung und qualitativer Analyse könne man die Verzerrungen digitaler Metriken beleuchten. Ein Klick sei weniger wichtig als ein wiederkehrender, zahlungsbereiter Leser.

Den Korridor zu Uwe Vettericks Büro mit den durchsichtigen Wänden säumen penibel gerahmte Auszeichnungen, es sieht aus wie bei einer Werbeagentur. Auch sein Zimmer ist eine dekorative Affäre, bunt, modern, viel Glas, lauter leere Oberflächen und Sitz- oder Stehgelegenheiten. Alles ist zum Besprechen, aber nicht zum Verweilen angelegt.

Vetterick hält hier die tägliche Konferenz ab, aber nicht in großer Runde, sondern mit seinem Vize Heinrich M. Löbbers und den Ressortleitern aus Politik, Wirtschaft, Feuilleton, Sport, der Stadt Dresden und den lokalen Ressortchefs, welche die Regionen Sachsens betreuen. Sie stellen Themen vor, zu dritt wird entschieden, wer was wie angeht. Entscheidungen werden digital festgehalten, pro Artikel eine Karteikarte beim Projektmanagement-Tool Trello. Der große Bildschirm ist also keine Angeberei. Hinter Vettericks Schreibtisch hängen zwei Auszeichnungen als „Journalist des Jahres“. Auf der einzigen blickdichten Wand steht in weißer Serife: „Suche das Beste“.

Die Suche ist Pflicht und Privileg

Dieses „Beste“ zu finden ist für Vetterick in seinen nunmehr zwölf Jahren als Chefredakteur zu einer Art Dogma geworden. Auch das Motto der Zeitung spielt darauf an: „Wir suchen das Beste über Sachsen und die Menschen, die hier zu Hause sind.“ Vetterick unterstreicht diesen Satz, er kann daraus fast alles ableiten: die Rolle des Journalisten, die Funktion der Zeitung und das Selbstbild, das die „Sächsische“ hat. Im Wort „Suche“ steckt bereits das nicht auftrumpfende Berufsverständnis. Die Suche ist Pflicht und Privileg des Journalisten, der von seiner Leserschaft für die Recherche bezahlt wird. Das beinhalte nicht nur, ein Problem zu erkennen, sondern auch, nach Lösungen zu suchen.

Um sein Argument zu untermauern, ruft Vetterick einen Klassiker des Lokaljournalismus auf: Vor einer Schule kommt es allmorgendlich zum Stau durch Elterntaxis. Das Problem ist bekannt, journalistischer Mehrwert aber entsteht erst dann, wenn die Berichterstattung weiterhilft. Bei der „Sächsischen“ gibt es dafür drei Optionen. Entweder hat eine andere Kommune ein solches Problem schon zufriedenstellend gelöst, dann stelle man diese Lösung vor. Oder aber man suche einen Experten und bitte um Rat. Ist beides nicht gegeben, sei der Einfallsreichtum des Journalisten selbst gefragt. Journalist und Zeitung werden so zum Impulsgeber. Nähe zur Leserschaft entsteht ebenfalls.

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