https://www.faz.net/-gqz-9bh5t

Abschied vom Musiksender : Wir sagen auf Vivasehen!

  • Aktualisiert am

Für die älteren von uns ergeben sogar die Frisuren irgendwie Sinn: Viva-Moderatoren Enie van de Meiklokjes und Tobias Schlegl Bild: Picture-Alliance

Viva tröstete uns bei Liebeskummer, lehrte uns tanzen und schlug erfolgreich unsere Eltern in die Flucht. Jetzt wird der Musiksender eingestellt. Die Redaktion erinnert sich.

          5 Min.

          Es war ein Sommer, in dem man sein Taschengeld für SMS (Stück 29 Cent) und Handyklingeltöne ausgab, der Crazy Frog war bereits durch sämtliche Klassenzimmer meiner Schule geschwirrt, und ich war verliebt. Ziemlich heftig, und das in einen gewissen Richard, was schön war, denn so hatte ich jemanden, an den ich denken konnte, wenn ich traurige Liebeslieder hörte (und eigentlich machte ich in diesem Sommer nichts anderes). Weniger schön: Richard, 18, hatte keine Ahnung, dass ich, 16, existierte, und dass ich tatsächlich mindestens so cool war wie er, denn ich kannte nicht nur das Franz-Ferdinand-Album, das einmal aus seiner Sporttasche ragte, ich konnte auch sämtliche Songs darauf mitsingen („Ich heiße Superfantastisch! Ich trinke Schampus mit Lachsfisch!“).

          Bei meinem AWS, dem Allgemeinen Weltschmerz, halfen also Franz Ferdinand, und bei meinem Kummer mit dem mir kaum Beachtung schenkenden Richard half Viva. Dort nämlich liefen nachmittags oft irgendwelche Chartssendungen, die ich natürlich aus Coolnessgründen doof fand, aber trotzdem schaute. Denn da gab es eine Nummer, an die man für läppische 49 Cent den eigenen Namen sowie den Namen des Schwarms schicken konnte. Richard und Hanna kriegten nur etwa 40 Prozent, aber bei Richard und Johanna ging das Liebesthermometer richtig steil: 81 Prozent. Das musste doch etwas bedeuten. Manchmal wurden wir sogar unten IM FERNSEHEN eingeblendet – wenn das kein Zeichen war. Die 81-prozentige Liebeswahrscheinlichkeit reichte zwar nicht dafür aus, dass ich wirklich mal mit Richard geredet hätte. Aber sie versüßte meinen Sommer doch sehr. (Johanna Dürrholz)

          Kopfhörer kamen nicht in Frage

          Die Frage Viva oder MTV stellte sich für mich nie. Wichtig war nur: Wer zeigt die Musikvideos in voller Länge? Mir ging es dabei nicht um den ästhetischen Ansatz der Videos oder in welcher Mode da gerade getanzt wurde – die hätte ich mir sowieso nicht kaufen können, denn dafür fehlte zum einen das Geld, und zum anderen gab es im südlichen Brandenburg in den Neunzigern keine Szene-Läden. Außer diesem einen HipHop-Store in der Kreisstadt, und der hatte obendrein nur Klamotten für Jungs. Nein, das Videoausstrahlen in voller Länge war wichtig für die Mixtapes. Dank einer geschickten Verkabelung des Fernsehers mit dem Kassettendeck war es möglich, die Charts auf Tonband zu bekommen. Dafür wurde dann am Samstag, während die „Top Ten“ herunterzählten, der Fernseher wie ein Heiligtum bewacht. Umschalten war verboten, meine Eltern mussten also in ziemlicher Lautstärke – Kopfhörer kamen für diesen Prozess irgendwie nie in Frage – die Spice Girls und andere Popphänomene über sich ergehen lassen. Und das mehrmals, denn nach dem Aufnehmen kam das Zusammenstellen der Mixtapes (Doppelkassetten-Deck!), und dafür musste man sich das alles natürlich noch einmal anhören.  Schlimm war es, wenn die Musiker besonders kreativ sein wollten und Handlung in ihre Videos eingebaut hatten, denn das hörte man dann natürlich auch auf dem Mixtape – aber geschenkt, es ging ja mehr um das Gefühl, irgendwie an dem da draußen teilzuhaben. Das war vor dem Internet nur dank Jugendsendern wie Viva möglich. (Maria Wiesner)

          Die Sensation der Studienfahrt

          Obwohl Musikvideos zur Blütezeit von Viva noch aufwendig produziert wurden, ging es mir fast nie um die Videos. Auch nicht bei Christina Aguileras „Dirrty“, dass sich wochenlang auf Platz 1 der Charts hielt. Für alle, die sich nicht erinnern können, ein paar Stichpunkte: Käfig, Lack, Schweiß, Haut, Brüste. Ich fand den Song einfach toll zum Mitgrölen! Zum Unmut meiner Mutter, die den Clip frauenfeindlich und sexistisch fand (natürlich zu Recht). Irgendwann hatte ich den Dreh raus und zappte jeden Abend ganz zufällig um 19:57 Uhr zu Viva, denn klar: Der Song wurde ja immer zur selben Zeit abgespielt. Manchmal konnte ich 30 Sekunden mitfeiern, bis meine Mutter den Fernseher wieder abschaltete, manchmal sogar fast den ganzen Song!

          2007 feierte meine Beziehung zu Viva ihren Höhepunkt. Mit meiner Klasse war ich zu Gast bei „Viva Live!“. Es sollte die Sensation unserer Studienfahrt nach Berlin werden – zumindest für mich. Collien Ulmen-Fernandes (damals nur Fernandes) moderierte die Sendung, meine damalige Lieblingsmoderatorin – YES! Die Freude wurde allerdings schnell getrübt, denn Annett Louisan war der „Stargast des Tages“ – NOOO! Wir hatten natürlich alle auf einen amerikanischen Mega-Star gehofft und von 50 Cent, Usher, Ne-Yo und Rihanna geträumt.

          Die später um sich greifende Abo-Abzocke mit den Jamba-Klingeltönen und sich ständig wiederholende amerikanische Datingshows haben schon länger nichts mehr mit "Musik-Fernsehen" zu tun. Viva hat mich aber vor allem in meiner frühen Jugend geprägt und mir gezeigt, was Musik für ein junges Leben bedeuten kann – in einer Zeit, als sich die Lieblingssongs nicht per Knopfdruck abspielen ließen. (Aylin Güler)

          Tanzkurs und Talkshow

          Viva liegt auf 14. Und zwar auf der Fernbedienung unseres ersten Fernsehers, jedenfalls des ersten, bei dem auch ich mal die Sender aussuchen durfte. Das ist mehr als 20 Jahre her, und es sagt einiges über Vivas Bedeutung aus, dass der Sender in meinem Kopf immer noch die Nummer 14 hat. Denn Viva hatte das Musikvideo zu dem Lied, das man schon seit zwei Wochen im Radio hörte. Viva gab den Musikern ein Gesicht: Ach, so sieht der Typ aus, der „Boombastic“ singt! Viva war Britney Spears und das Video zu „Oops!...I Did It Again“, das die Tanzszene oft genug zum Nachmachen im dunklen Kämmerlein wiederholte – linker Arm auf Brusthöhe, Hand hochstellen, rechter Arm etwas darüber, Hand abwinkeln, dass eine Box vor dem Herzen entsteht, beide Hände im Herzschlag von der Brust wegdrücken. Viva hat all die Lieder endlos wiederholt, was dafür sorgt, dass wir heute beim Karaoke so textsicher sind. (Und zwanzig Jahre später den englischen Text wirklich verstehen.)

          Ja, Viva bringt peinliche Erinnerungen hoch, und, ja doch, peinliche erste Lieblingslieder. Aber Viva war auch und vor allem Sarah Kuttner. Sarah Kuttner hatte eine Late Night Talk Show, als Frau. Dank Sarah Kuttner entdeckte ich Roger Willemsen, Sarah Kuttner hat Adam Green in mein Leben gebracht. Sarah Kuttners Sidekick Sven Schumacher hat „Aufstehn, aufeinander zugehn“ viral gehen lassen (für damalige Verhältnisse). Und gemeinsam mit Sarah Kuttner habe ich allen Hatern da draußen / allen Lackaffen da oben den Stinkefinger gezeigt. Sie, weil ihre Show eingestellt wurde. Ich, weil: Post-Pubertät halt. (Manon Priebe)

          „Was kostet einmal Nageln bei Ihnen?“

          Wenn ich an Viva denke, dann vor allem an die erste Moderatoren-Generation: Nils Bokelberg, Mola Adebisi, Heike Makatsch, Stefan Raab. Bokelberg war der coole Junge mit unfassbarer hoher Mütze, einer, der sich als Grunge- und Alternative-Versteher wunderbar zur Projektionsfläche für einen Teenager wie mich eignete – mehr als der Hip-Hop-Freak Adebisi. Aber genau das war – neben der Tatsache, dass mit Viva endlich der erste deutschsprachige Musiksender auf der Bildfläche erschien – das Erfolgsrezept: Der Sender hatte für die meisten Teenager-Geschmäcker in Vor-Youtube-Zeiten etwas zu bieten.

          Bilderstrecke
          Aus des Musiksenders : Was wurde aus den früheren Viva-Moderatoren?

          Mädchen interessierten sich für die taffe und kluge Heike Makatsch, ich eher für Stefan Raab, dessen Low-Budget-Format „Vivasion“ damals bahnbrechend war. Mit einem Plastiksäbel schlug er sich zu Beginn jeder Sendung sinnloserweise durch eine Packpapier-Wand, spielte selbstkomponierte Jingles auf wahnwitzigen Kinderspielzeuginstrumenten und zeigte sich völlig respektlos gegenüber Popgrößen wie Falco, Dieter Bohlen und Vertretern des damals noch halbwegs ernsten Fachs, etwa dem ehemaligen Nachrichtensprecher Hans Meiser. Legendär seine oft grenzwertigen Straßenumfragen, bei denen er alte Leutchen (trotzdem liebevoll) vorführte, und seine Überfallinterviews wie mit einer Nagelstudio-Besitzerin und der Eingangsfrage: „Guten Tag! Was kostet einmal Nageln bei Ihnen?“ Das war ein neues Genre, zusammen mit „RTL Samstag Nacht“ konnte Viva die verstaubte Fernsehunterhaltung ein Stück weit runderneuern. Mit platten Witzen? Ja, aber mit gekonnten platten Witzen, die spontan waren oder zumindest so wirkten (was man von Rudi Carrells Humor, der damals die Unterhaltung dominierte, wahrlich nicht sagen konnte).  

          Später rutschte ich in die Zielgruppe von Viva II (oder auch Viva Plus) – ja, auch den Sender gab es einmal. Der war rockiger, alternativer, und spülte Moderatoren wie Charlotte Roche, Rocco Klein und Markus Kavka nach oben, die interessante Interviews führen konnten und inhaltlich mehr zu bieten hatten. Und auch Nils Ruf, der damals allerdings schon regelmäßig ein Stück drüber war. Der ehemalige MTV-Moderator Steve Blame war zeitweise als Programmchef mit dabei, der Anspruch war klar: Viva und Viva II wollten MTV Konkurrenz machen, was ja auch eingetreten ist, zumindest, was den Niedergang betrifft. Heute braucht keiner mehr MTV und auch keiner Viva. Die Einstellung ist daher konsequent – aber damals waren die Sender eine Offenbarung für Jugendliche. (Martin Benninghoff)

          Weitere Themen

          Synthetisches mit Seele

          Digitale Klänge aus Rödermark : Synthetisches mit Seele

          Kommunikation ist das Geschäft von Ralf Schreiber, aber auch seine Leidenschaft, wenn damit die musikalische Kommunikation gemeint ist. Mit dem Projekt The-Dept. erfüllt sich er Künstler aus Rödermark nun einen Traum.

          Topmeldungen

          Die scheidende CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer beim digitalen Parteitag am Freitag.

          CDU-Parteitag : „Dieser Schritt war schwer. Aber er war richtig“

          In ihrer Rede auf dem Parteitag zeigt die scheidende Vorsitzende sich mit sich selbst im Reinen. Die Aussöhnung zwischen CDU und CSU sieht sie als wichtige Leistung ihrer Amtszeit.
          Trauer allerorten: In Brasielien nehmen die Totenzahlen zu.

          Chaos in Manaus : Brasilien von tödlicher Corona-Welle getroffen

          Den Krankenhäusern in Brasiliens Amazonas-Metropole Manaus geht der Sauerstoff aus. Schwerkranke Patienten werden nun per Charter-Maschine ausgeflogen. Und auch landesweit schnellen die Todeszahlen in die Höhe.
          Dieser Account ist Geschichte: Seit dem Wochenende ist Donald Trump bei Twitter gesperrt.

          Trump und Twitter : Soziale Medien dürfen nicht unser Babylon werden

          Nie zuvor haben so viele Menschen miteinander gesprochen wie heute in den sozialen Medien. Das erschwert es, Gesprächsregeln zu finden, mit denen alle leben können. Versuchen müssen wir es trotzdem.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.