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Rechtsextremismus im Internet : Im virtuellen braunen Sumpf

Zeigt der rechtsextremen Szene im Internet Grenzen auf: das Portal „no-nazi.net“ Bild: no-nazi.net

Die rechte Szene nutzt soziale Netzwerke für die Suche nach Nachwuchs. Das geschieht bisweilen subtil. Die Gruppe no-nazi.net klärt Jugendliche auf und wappnet sie für die Diskussion.

          Johannes Baldauf hat eine ganze Handvoll Profile bei Facebook. Besonders aktiv ist er gerade mit einem Rechtspopulisten und einem Verschwörungstheoretiker. Beides liegt Baldauf, 31 Jahre alt und studierter Literaturwissenschaftler, in seinem echten Leben fern. Mit den Profilen will er herausfinden, wie sich die rechte Szene im Internet organisiert. Baldauf ist gewissermaßen ein Spion.

          Andreas Nefzger

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Seine verdeckten Ermittlungen stellt Baldauf für das Projekt no-nazi.net an. Die Initiative der Amadeu Antonio Stiftung ist seit November vergangenen Jahres online. Sie betreibt ein eigenes Blog und Gruppen in den wichtigen sozialen Netzwerken, etwa Facebook, Schüler-VZ, Google Plus oder Wer-kennt-wen. Ziel der Initiative ist es, Informationen über die Umtriebe der rechtsextremen Szene in sozialen Netzwerken zu sammeln und Jugendliche über die Gefahren aufzuklären.

          Drei Mann gehören zum festen Team, das in einem schmalen Dachgeschoss-Büro in Berlin-Mitte sitzt: Projektleiterin Anna Groß, welche die Communities pflegt, Öffentlichkeitsreferentin Simone Rafael und Johannes Baldauf, der für die Internetrecherche zuständig ist, oder wie er es nennt: das Monitoring.

          Den Klischees auf der Spur

          Mit seinen falschen Profilen schließt Baldauf Freundschaft mit Menschen aus der Szene und findet Zugang zu einschlägigen Gruppen. Diese sind meist geschlossen, die Inhalte und Diskussionen also nur für einen ausgesuchten Personenkreis sichtbar. Um aufgenommen zu werden, muss Baldauf mit seinem Profilen den Eindruck erwecken, als gehöre er zur Szene.

          Sein Rechtspopulist kommt aus einer ostdeutschen Stadt und mag neben den Fernsehsendungen, Büchern oder Bands, die viele junge Männer schätzen, auch szenetypische Künstler und Autoren, Thilo Sarrazin etwa. Sein Verschwörungstheoretiker gibt kaum Persönliches preis - weil er sich um seine Daten sorgt - und mag zum Beispiel Dan Brown. „Man muss in Klischees denken“, sagt Baldauf.

          Baldaufs Interesse für rechtspopulistische Umtriebe ist offensichtlich, bieten Themen wie Islam-Feindlichkeit und Euro-Skepsis doch gute Anknüpfungspunkte für völkisches Gedankengut. Aber warum befasst er sich mit Verschwörungstheorien? Während Baldauf über Seiten scrollt, die zu wissen glauben, was am 11. September 2001 tatsächlich geschah, oder behaupten, dass die Kondensstreifen von Flugzeugen Chemikalien enthalten, welche die Menschheit zu willenlosen Zombies machen sollen, sagt er: „Das läuft fast immer auf die ’jüdische Weltverschwörung’ hinaus und wird genutzt, um Antisemitismus hoffähig zu machen.“

          Der kurze Weg von Facebook zur Straße

          Baldauf und seine Kollegen fanden zuletzt immer häufiger Inhalte, die sie für bedenklich halten. Die rechtsextreme Szene habe in den vergangenen Jahren die sozialen Netzwerke als Instrument für die Rekrutierung von Nachwuchs für sich entdeckt und ihre Aktivitäten stark ausgebaut, sagt Projektleiterin Anna Groß: „Die haben gelernt, dass man dort mehr Menschen erreicht als mit einem Info-Stand auf dem Marktplatz.“ Der zunächst virtuelle Kontakt muss nach den Erfahrungen von no-nazi.net dabei aber keinesfalls virtuell bleiben. „Viele junge Menschen steigen über das Internet in die rechte Szene ein, davon geht eine ganz reale Gefahr aus.“

          Dass der Weg von der Facebook-Freundschaft mit einem Rechtsextremen zu politischen Aktionen auf der Straße kurz sein kann, hat die Initiative mit „Sandy“ herausgefunden, einem ihrer falschen Profile. Sandy war junge Mutter, mochte auf Facebook eine rechtsextreme Liedermacherin und sendete Freundschaftsanfragen an andere Mütter aus der Szene.

          Bald schon brauchte sich Sandy nicht mehr um neue Freunde zu bemühen - sie kamen von allein. Ebenso die Einladungen zum „Protest gegen die Einebnung des Grabes von Rudolf Heß“ oder zu Veranstaltungen des Rings Nationaler Frauen. So erzählt es Simone Rafael, die sich bei Facebook als Sandy ausgab. „Das zeugt davon, dass hier aktiv und professionell auf Nachwuchssuche gegangen wird.“

          Geschickte Werbung mit unverfänglichen Themen

          Allzu lange währte Sandys Spionin-Dasein jedoch nicht. Zweimal wurde sie von Facebook gelöscht, weil sie ihre politische Einstellung wohl etwas zu deutlich nach außen trug. Gegen offensichtlichen Extremismus funktionieren die facebookeigenen Abwehrmechanismen recht gut. Ganze Gruppen haben sich gegründet, um in dem Netzwerk nach Neonazis zu suchen und deren Löschung zu erwirken. Dementsprechend geht es den Betreibern von no-nazi.net auch nicht um den User, der ein Bild von Adolf Hitler auf seine Seite lädt oder „Heil Hitler“ postet. Solche Nutzer seien ohnehin selten geworden, sagt Simone Rafael. „Die Nazis sind schlauer geworden, die wissen, was strafrechtlich relevant ist.“

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