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Reality-TV : Der Horror des Alltags

  • -Aktualisiert am

Das Fernsehen sucht sich selbst aus, was es normal finden will, und nichts davon darf so normal sein, dass es nachher keiner sehen will. Mit gesundem Misstrauen dem Medium gegenüber lässt sich zwar vermuten, dass manche der gezeigten Szenen nachgestellt und dramatisiert wurden. Aber an der Wirkung auf den Zuschauer, der das als echt verkauft bekommt, ändert es nichts.

Der Durchschnitt ist nicht spannend

Wenn man beim Statistischen Bundesamt anruft und fragt, was denn den Durchschnittsdeutschen ausmache, bekommt man viele, viele Excel-Tabellen zugeschickt und fängt zu puzzeln an: Der Durchschnittsdeutsche ist 43 Jahre alt, verdient 1800 Euro brutto, hat in seinem Haushalt 1400 Euro Schulden aus sogenannten Konsumentenkrediten und gibt monatlich, ebenfalls auf den Haushalt hochgerechnet, 303 Euro für Nahrungsmittel aus.

Aber das ist nicht spannend. Natürlich interessiert sich das Fernsehen bei solchen Statistiken weniger für die 36 Millionen Menschen, die in der Spalte „verheiratet“ zusammengerechnet sind, sondern für die drei, die in der Altersgruppe „15-16“ als „geschieden“ darauf warten, bald von einem Kamerateam besucht zu werden.

Stimmt nicht, sagt Daniela Wilberg von der Produktionsfirma Janus TV in München, die viele Episoden von „We are Family“ dreht. Oder jedenfalls: stimmt nicht ganz.

„Unsere Geschichten sind echt“, beteuert die Redaktionsleiterin und erzählt, wie sie ständig in Kontakt mit Institutionen und Vereinen steht, um Leute kennenzulernen, über die es sich zu erzählen lohnt. Zum Mitmachen gezwungen werde niemand: „Wenn die Leute nicht wollen, dass wir ihre Geschichte erzählen, ist die Produktion so einer Dokusoap gar nicht möglich.“

Kurioses mit Wiedererkennungswert

Kürzlich besuchte Janus TV die Familie von Rosemarie in München, die - wie der Name schon erahnen lässt - ein Faible für die Farbe Rosa hat. Alles in ihrem Leben ist rosa: das Haus, die Kleider, die Blumen, die Küche, das Treppenhaus, das Gartenmobiliar. Die Tochter liebt rosa, der Ehemann hat sich angepasst - nur der 11-jährige Sohn rebelliert und kommt in der Familie deshalb oft zu kurz. Kurios? Sicher.

Aber Wilberg erklärt: „Das ist der Schlüssel zum Erfolg von ,We are Family': Geschichten zu finden, die erst einmal ungewöhnlich wirken, mit deren Kernproblematik sich aber ganz viele andere identifizieren können, weil es ihnen so ähnlich geht.“ Nicht unbedingt mit dem Zwang, sich alles rosa einzurichten. Aber mit den Problemen, wenn ein Familienmitglied sich vernachlässigt fühlt.

Kann es also sein, dass die Menschen, die wir im Fernsehen sehen, normaler sind, als wir das wahrhaben wollen? Dass die Nachbarn alle komische Hobbys haben, von denen wir nur nichts wissen? Dass es tatsächlich Eltern gibt, die aus Sorge um die Tochter jeden ihrer Schritte mit dem Peilsender verfolgen? Und solche, die, wenn sich ihr Kind zum allabendlichen Besäufnis auf die Straße verabschiedet, ernsthaft sagen können: Wenigstens ist es an der frischen Luft.

Was wäre, wenn die anderen in der Mehrzahl sind und nicht die, die vor dem Fernseher sitzen und beim Zusehen den Kopf schütteln? Niemand wird sagen können, was genau „normal“ ist. Aber wenn das Fernsehen so nah an der Antwort dran ist, wie es täglich behauptet, wäre es vielleicht wirklich besser, nicht mehr so oft vor die Tür zu gehen.

Mehr dazu im Fernsehblog: Verrückte Familien gesucht

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