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Reality-TV : Der Horror des Alltags

  • -Aktualisiert am

Romana, 44, hat einen Job im Bordell angenommen, um sich die OP leisten zu können. Und Ina, 20, ist neidisch auf ihre Freundin Svetlana, die sich gerade erst unters Messer gelegt hat und nun aussieht, als wäre unter dem weit ausgeschnittenen Shirt etwas explodiert.

Die Liste mit vermeintlichen Operationsgründen ließe sich beliebig fortsetzen. Aber das Signal ist jedes Mal dasselbe: Erst mit zwei Mal dreihundert Gramm Silikon bist du ein vollwertiger Mensch, der es verdient hat, geliebt und beachtet zu werden.

Glauben jedenfalls die Frauen, die sich operieren lassen wollen, selbst wenn ihnen der Partner und die Freunde sagen: Wir mögen dich so, wie du bist. Beziehungen leiden, Kinder werden vernachlässigt, es braucht nur ein paar Schnitte, um alles wieder in Ordnung zu bringen. „Seit der OP bin ich viel selbstbewusster“, erklärt Svetlana. „Man fühlt sich wie eine ganze Frau.“ Und Ina findet: „Die Beziehung ist jetzt auch wieder super.“

Die Hälfte der Operationen hat bestimmt Pro Sieben gezeigt

Wie viele Operationen dieser Art wird es in Deutschland jährlich geben? Eine halbe Million? Ach was! Die Gesellschaft für Ästhetische Chirurgie Deutschland weist für das vergangene Jahr gerade mal 6000 Brustvergrößerungen und rund 2500 Brustverkleinerungen aus.

Die Hälfte davon muss schon bei Pro Sieben im Nachmittagsprogramm zu sehen gewesen sein. Jedenfalls schätzt man als Zuschauer die Verhältnisse völlig falsch ein, wenn man permanent glücklich Operierte vorgeführt bekommt.

Vor ein paar Jahren hat Medienforscherin Constanze Rossmann von der Ludwig-Maximilians-Universität in München mal ausprobiert, was das für einen Einfluss auf uns haben kann: Mit Universitätskollegen hat sie die Berichterstattung des Fernsehens über Brustoperationen ausgewertet, vor allem in Dokusoaps und Boulevardmagazinen, und festgestellt, dass diese durchweg „eher unkritisch“ sei.

Sie hat Menschen über ihre Einstellung zu Brust-OPs befragt und anschließend wissen wollen, ob sie viele Boulevardmagazine anschauen. Und sie hat mit drei Versuchsgruppen experimentiert, wie Positivbeiträge über Schönheitsoperationen beeinflussen.

Ein verzerrtes Bild von der Realität

„Es gibt Indizien, dass von diesen Sendungen tatsächlich eine Wirkung ausgehen kann“, sagt die Wissenschaftlerin - zumindest auf die direkte Wahrnehmung der Zuschauer. Ob die Menschen dadurch allerdings auch ihre generelle Einstellung änderten, sei schwer nachzuweisen. Im Endeffekt lässt sich nicht überprüfen, ob Zuschauer, die viele Dokusoaps sehen, Brust-OPs deshalb positiver bewerten - oder ob eine vorhandene Akzeptanz dafür verantwortlich ist, dass solche Sendungen öfter eingeschaltet werden.

Eines aber kann Rossmann sagen: Vielseher von Dokusoaps haben im Vergleich zu Wenigsehern ein eher verzerrtes Bild von der Realität. „Und wenn die Leute glauben, dass eine Sendung die Realität widerspiegelt, gehen wir davon aus, dass der Einfluss des Fernsehens stärker ist.“ Das sind keine guten Nachrichten für alle, die regelmäßig Programme sehen, die „Mitten im Leben“ heißen.

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