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Realityfernsehen : Das surreale Leben

Oliver Sanne beim „Großen SAT.1 Promiboxen“ Bild: Getty

Was wollen Menschen im Reality-TV? Warum schaut man ihnen zu? Und was erfährt man, wenn man zwei Protagonisten dieses Fernsehens in der Wirklichkeit zusieht? Begegnungen mit Rafi Rachek und Oliver Sanne.

          6 Min.

          Was sind die großen, echten Sehnsüchte der Menschen? Sie stehen auf Happy-Birthday-Karten – und sind banal: Glück, Liebe, Geld, Erfolg. Man läuft durch diese kalte Welt und sucht danach und findet meistens nichts davon. Denn das Leben ist unfair und ehrlich und brutal. Es könnte aber anders sein, so wie im Fernsehen; auf den privaten Sendern selbstverständlich, denn sie versprechen das, was sich die meisten Menschen wünschen – in Sendungen wie „Bachelor“ oder „Bachelorette“, „Kampf der Realitystars“, „Love Island“ und „Prince Charming“.

          Anna Prizkau
          Redakteurin im Feuilleton.

          Man schaltet ein, und während die knallbunten, schnellen Bilder laufen, denkt man: Suchen die schönen Menschen in den lauten Shows nach der Erfüllung ihrer kleinen, großen Träume? Oder wollen sie einfach leuchten und Applaus? Weshalb gehen sie ins Fernsehen? Warum schaut man ihnen zu? Und warum verheimlicht man das manchmal – sagt falsch, verlogen: Was, gestern Abend? „Bachelor“? Nein! Da habe ich den-und-den Roman gelesen!

          In Köln beginnt das Antwortsuchen. Milchiger Himmel, Regen, ein Café. Rafi Rachek sitzt auf der halb verlassenen Terrasse. Er – 31, das Haar weißblond gefärbt, der kurze Bart so schwarz wie seine Brauen – könnte Zahnseide-Werbung machen, das sagt sein Lächeln. Im Fernsehen sagte Rachek, er suche nach der großen Liebe. Das war 2018 und in der Show „Die Bachelorette“, die man sich ansieht, wenn man Liebe sehen will, wenigstens auf seinem Bildschirm. Denn da trifft jedes Jahr eine einsame Frau zwanzig einsame Männer, um sich am Ende zu verlieben. Dass Rafi Rachek dort die Liebe suchte, war eine Lüge. Er suchte nach einem Alibi für seine Mutter, seinen Vater, die Geschwister. „Wenn ich da mitmache, das dachte ich, wird nie jemand die Wahrheit ahnen, und meine Eltern lassen mich in Ruhe“, flüstert er jetzt, fährt mit der rechten Hand über sein scharfes Dreieckskinn.

          Rafi Rachek bei „Promi Big Brother“
          Rafi Rachek bei „Promi Big Brother“ : Bild: ddp

          Die Wahrheit erklärte er in einer anderen Show und ein Jahr nach der „Bachelorette“: Er weinte, sagte, dass er Männer liebe. Als Zuschauer hatte man mitgeweint, war glücklich und erleichtert. „Kurdisch, jesidisch, schwul, das ist sehr viel“, sagt Rafi Rachek, und seine Brauen ziehen sich zusammen, als ob er etwas Schweres heben würde. Es geht jetzt um Racheks Familie, die sein Outing nicht verstanden hatte: „Einer meiner Brüder sagte, es wäre besser, wenn ich sterbe.“

          „Weiß, schwarz, schwul – alles ist dabei“

          Rachek kam im Nordosten Syriens zur Welt, im Kreis Hassaka. Vor 21 Jahren floh er mit seinen Eltern und Geschwistern. In Deutschland lebten sie sieben Jahre in einem Flüchtlingsheim, da sei es schwer gewesen, sagt er. Ein Leben in Unsicherheit, Jahre mit ungeklärter Aufenthaltslage. Rafi Rachek macht eine Pause, keine rhetorische, denn er versucht sich zu erinnern. Er sagt, dass im Heim alle Flüchtlingskinder Fußballprofi werden wollten. Er landete natürlich nicht auf einem Fußballfeld. Er landete im Fernsehen. Doch von Rafi Racheks Biographie wurde da nie erzählt. Warum? Weil das Privatfernsehen sich nicht für das Private interessiert, es sei denn, es sind einfache Geschichten, in denen sich die fiktionssüchtigen und glückssuchenden Zuschauer erkennen können.

          Deshalb lässt man Rafi Rachek jetzt im Café erzählen und sieht ihm zu und hofft – wie man auch immer vor dem Fernseher hofft – aufs große Happy End. Er schaffte es von der Hauptschule aufs Gymnasium und machte Abitur, studierte Politik und Geschichte in Kassel. Kurz. „Das hat mich immer interessiert. Aber nach einem Semester konnte ich nicht mehr, in meinem Kopf war viel zu viel, auch wegen meiner Sexualität, die ich damals noch unterdrückte.“ Dann erzählt Rachek von anderen Unterdrückern, von den Rassisten, die er traf – es waren viele.

          Auch im Realityfernsehen?

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