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Dokumentation über„Ehrenmord“ : Die Mörder zeigen keine Reue

Ihre Familie fällte das Todesurteil: Hatun Sürücü. Bild: rbb

Hatun Sürücü lebte in Deutschland und wollte „leben wie eine Deutsche“. Deshalb brachte ihr Bruder sie um. Jetzt ist er auf freiem Fuß und brüstet sich in einem Dokumentarfilm sogar mit seiner Tat.

          Es geschah vor zehn Jahren: Mitten in Berlin, an einer Bushaltestelle, schießt ein junger Deutschtürke seiner Schwester dreimal ins Gesicht. Hatun Sürücü musste sterben, weil sie „wie eine Deutsche“ lebte. Es ging damals kein Sturm der Empörung durchs Land, es gab keine Protestdemonstration, die es über ein paar Zeilen im Lokalen hinausbrachte. „Ehrenmorde“, wenn sie denn überhaupt als solche geächtet wurden, gab es immer wieder, doch weder die Migrationsforschung noch die Politik wollen sich von diesen Katastrophen ernsthaft erschüttern lassen.

          Ehrenmord ist keine Beziehungstat

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Erst vor zwei Wochen wurde wieder eine junge Frau ermordet, noch grausamer als damals die 23 Jahre alte Hatun Sürücü: In einem Berliner Stadtpark wurde eine hochschwangere Neunzehnjährige erst mit Messerstichen in den Unterbauch schwer verletzt und dann lebendig verbrannt. Die mutmaßlichen Täter sitzen in Untersuchungshaft, einer ist geständig: Er habe das Kind nicht gewollt. Seine Familie steht unter Verdacht, die Tat mit vorbereitet zu haben. Gleichzeitig ein Fall in Darmstadt: Eine Familie erwürgt die eigene Tochter. Die junge Frau wollte einen Mann heiraten, den ihr Clan nicht guthieß.

          Kulturrelativisten reihen solche Verbrechen bis heute unter „Beziehungstaten“ ein, die üblicherweise von Familienangehörigen verübt würden. Was „Ehrenmorde“ deutlich von Beziehungstaten unterscheidet, zeigt der Dokumentarfilm „Verlorene Ehre - Der Irrweg der Familie Sürücü“ von Matthias Deiß und Jo Goll. Die beiden Reporter haben ihren mehrfach ausgezeichneten Film von 2011 noch einmal aktualisiert. Die Reportage bringt uns nicht nur auf den neuesten Stand, wie es weitergegangen ist mit den Schreckensmännern der Familie Sürücü. Selbstbewusst geben die Brüder Auskunft über ihr ungebrochenes Verständnis von Macht, gewalttätiger Erziehung und Familienehre. Keine Reue hat in diesem geschlossenen Weltbild Platz, kein Mitgefühl: Es sei richtig gewesen, Hatun zu richten, weil sie gemacht habe, was sie wollte. Das dürfe nicht sein, und wenn diese seit Generationen und durch den Islam legitimierte Auffassung von Recht und Gesetz in Deutschland Ärger mache, lebe man besser wieder in der Türkei. Einer der Brüder schwärmt inzwischen für die IS-Terroristen, ein anderer sorgt für „Ehre“ und „Frömmigkeit“ der Schwestern, die das brav aufzusagen wissen vor der Kamera.

          Machtanspruch als Familienvorstand

          Der verurteilte Mörder Ayhan ist inzwischen wieder frei, er wurde im vergangenen Sommer nach Verbüßung seiner Haftstrafe in die Türkei abgeschoben. Deiß und Goll besuchten ihn im Gefängnis, später in Istanbul, wo er im großen Haus des Bruders Mutlu, der sich der Bestrafung durch Flucht entzog, untergekommen ist. Noch einmal erzählt Ayhan, dass er keine Deutschen kannte, auch nicht kennen wollte. Dass sein Machtanspruch als Familienvorstand von der Schwester bedroht wurde, mitten im weltoffenen Berlin. Als eine andere, gefährliche Welt erscheint diese Stadt; ihren seiner Ansicht nach verheerenden Einfluss galt es abzuwehren, mit allen Mitteln. Punkt.

          Der Schulleiter seiner Berliner Schule, die damals schon kein deutsches Kind mehr besuchte, erinnert sich an Ayhan als einen fanatischen Sittenwächter. Gern hätte man auch erfahren, ob und wie man dagegen argumentierte. Ob es Kapitulation war vor einer „anderen Kultur“ oder ob es einfach hingenommen wurde angesichts des Desinteresses der deutschen Öffentlichkeit an dieser Grundwerte missachtenden Parallelwelt.

          In ruhigen Gesprächen mit den Sürücü-Brüdern und den Bewohnern des ostanatolischen Heimatdorfes der Mutter rücken Deiß und Goll den Hintergrund der Mordtat ins Rampenlicht. Und man kann sich vorstellen, was es heißt, sich aus diesem kollektiven Teufelskreis der Unmündigkeit und unhinterfragbaren Männerhierarchien herauszubegeben. Dass junge Frauen wie Hatun Sürücü und die anderen Opfer nicht einfach so eigene Wege suchten, wie es jede andere Frau in unserem Land tun würde. Nein, muslimische Frauen und Mädchen wie diese riskieren immer noch alles, wenn sie persönliche Freiheit und Emanzipation über die traditionellen und religiösen Gebote der Familie, des Dorfes stellen. Sie werden, wenn sie so handeln, schlimmstenfalls mit dem Tode bedroht, nicht von einem einzelnen gekränkten Bruder, einem gewalttätigen Ehemann, sondern vom gesamten Clan. Das unterscheidet diese „Ehrenmorde“ von sogenannten Beziehungstaten.

          Ayhan Sürücü, dem wohl nur seine tüchtige Anwältin die gern geäußerte Reue glaubte, postet inzwischen auf Facebook, was er von Frauen hält: Zwei Drittel aller Karrierefrauen stünden auf Schläge im Bett, auch gebe es in jedem Kulturkreis „Ehrenmorde“. Ob die Familie Sürücü auf Irrwegen wandelt oder einzig ihre tote Tochter Hatun, ist also eine Frage der Perspektive geblieben.

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