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Rassismus bei New York Times? : Er sagte ein Wort zu viel

Was hier gesprochen wird, eignet sich nicht immer zur Verschriftlichung: Das Redaktionsgebäude der „New York Times“ in Manhattan. Bild: AFP

Revolutionäre Justiz bei der „New York Times“: Der Wissenschaftsredakteur Donald McNeil wird entlassen, weil er rassistisch geredet haben soll. Eine böse Absicht wird ihm nicht unterstellt. Der Fall ist bizarr.

          3 Min.

          Der amerikanische PEN, die Schriftstellervereinigung, die sich seit 1922 in allen Ländern der Erde für das Menschenrecht auf freie Rede einsetzt, sieht es im eigenen Land bedroht – durch die „New York Times“, die wohl angesehenste Zeitung der Welt. Am Freitag vergangener Woche wurde bekannt, dass der Wissenschaftsjournalist Donald McNeil die Redaktion verlassen muss. Er ist 67 Jahre alt und stieß 1976 zur „New York Times“. Als Spezialist für ansteckende Krankheiten war er im Blatt die wichtigste Autorität in der Berichterstattung über die Covid-19-Pandemie. Zum Verhängnis wurde ihm ein einziges Wort, ein Schimpfwort für Afroamerikaner. Das Wort stand nicht in einem seiner Artikel. McNeil hat es nicht schriftlich, sondern mündlich verwendet, und er nahm es nicht in den Mund, um jemanden zu beschimpfen.

          2019 begleitete er eine Gruppe von Highschool-Schülern auf einer von der Zeitung organisierten Reise nach Peru, für die eine Gebühr von mehr als 5000 Dollar pro Teilnehmer erhoben wurden. Als nach dem Ende der Reise die Zufriedenheit der Teilnehmer erhoben wurde, sollen sich sechs der 26 Schüler über ihn beschwert haben. Die Szene mit dem Schimpfwort hat McNeil in dem Rundbrief geschildert, mit dem er sich von seinen Kollegen verabschiedet hat. Da die Darstellung nicht bestritten worden ist, wird sie wohl stimmen.

          Demnach wurde er beim Abendessen von einer Schülerin gefragt, ob er meine, dass eine Mitschülerin der Fragenden wegen eines Videos der Schule hätte verwiesen werden sollen, in dem sie als Zwölfjährige das Schimpfwort im Mund geführt habe. Um eine begründete Meinung äußern zu können, erkundigte sich McNeil, wie das Mädchen das Wort gebraucht habe: als Schimpfwort für einen bestimmten Adressaten, als Kunstwort in einem Rap-Song oder als Zitat? Bei der Rückfrage gebrauchte McNeil selbst das Wort, statt auf eine Umschreibung zurückzugreifen wie die Formel „the n-word“, die man nun in den Berichten über den Skandal lesen kann. Das war der Fehler, der McNeil nicht verziehen wird, obwohl er sich in dem Brief an seine Kollegen entschuldigt hat.

          Ein Schimpfwort in Anführungszeichen

          Dass seinem Arbeitgeber ein einziges falsches Wort genügte, um eine jahrzehntelange Zugehörigkeit zu beenden, sendet laut Suzanne Nossel, der Vorsitzenden von PEN America, eine einschüchternde Botschaft über die Risiken der freien Rede in die Welt. McNeil verwendete das „n-word“ sozusagen in Anführungszeichen; es war der Gegenstand des von der Schülerin eingeleiteten Gesprächs. Auf dem Wort liegt ein Tabu. Weithin wird erwartet, dass es auch zum Zweck der Referenz nicht verwendet wird, weil jedes Aussprechen ein Akt der Perpetuierung rassistischer Gewalt sei. Das Tabu so weit auszudehnen ist eine Konvention, über deren Sinn man streiten kann. Sie zu befolgen legt die Höflichkeit nahe. Aber was soll aus ihrer Übertretung folgen? Dass McNeil seine Zuhörer habe provozieren, also verletzen wollen, wird ihm nicht unterstellt.

          Zwar werden auch Vorwürfe aus der Reisegruppe angeführt, wonach er herabsetzend über schwarze Jugendliche geredet und gesagt habe, „white supremacy“ gebe es nicht. Als Zeuge „traditioneller Zeremonien“ mit „eingeborenen Heilern/Schamanen“ habe er es an Respekt fehlen lassen. Aber diese Beschwerden kann man ohne Einzelheiten und Kontext nicht einschätzen. Was immer er zu den Schamanen gesagt haben mag: Möglicherweise sah er sich als Botschafter eines evidenzbasierten Wissenschaftsjournalismus in die aufklärerische Pflicht genommen? Und was ist „white supremacy“? Eine diskreditierte Ideologie und ein abgeschafftes Unrechtssystem mit toxischen Nachwirkungen? Oder ein Ensemble informeller Privilegien, die Weiße kraft Geburt genießen? In der Philosophie des „Afro-Pessimismus“ wird behauptet, Strukturen weißer Bevorrechtung lebten etwa auch dort fort, wo Fachzeitschriften für Altertumswissenschaft Aufsätze ohne Rücksicht auf die Hautfarbe der Einsender auswählen. Wollte McNeil eventuell bloß sagen, dass er nicht schon rassistisch agiert, wenn er nur seiner Arbeit nachgeht?

          Im Streit um das Vordringen der Identitätspolitik in den Alltag, die Arbeitswelt eingeschlossen, wird oft der Topos des Jakobinischen bemüht. Der Fall McNeil zeigt, dass das keine maßlose Übertreibung sein muss. In der Bestrafung des Veterans brach sich die Dynamik revolutionärer Gerechtigkeit Bahn. Zunächst wollte der Chefredakteur Dean Baquet dem altgedienten Angestellten eine „zweite Chance“ gewähren, da McNeil sich unklug ausgedrückt habe, aber ohne Hass oder böse Absicht. Nachdem 150 Mitarbeiter einen Protestbrief mit dem Vorwurf unterschrieben hatten, McNeil habe mit der inkriminierten Äußerung ihnen allen den Respekt verweigert, folgte, was der Medienredakteur der „New York Times“ im Blatt als Kehrtwende der Chefredaktion bezeichnete: Baquet übernahm die Bewertung, dass es auf die böse oder unschuldige Absicht nicht ankommen dürfe. Konsequenz: Kündigung. In der Chefredakteurssprache: „der richtige nächste Schritt“.

          Nikole Hannah-Jones, eine Reporterin des „New York Times Magazine“, die als Initiatorin des „1619 Project“, eines multimedialen Pakets mit dem Zweck der Revision des amerikanischen Geschichtsbildes, große Prominenz erlangt hat, ist einem Bericht über ihre Rolle in der Affäre entgegengetreten. Sie habe in einer Redaktionskonferenz nicht damit gedroht, die Teilnehmer der Peru-Reise um weitere Einzelheiten zum anstößigen Redeverhalten McNeils zu bitten. Außerdem wies Hannah-Jones darauf hin, dass der Protestbrief der Mitarbeiter nicht den Herauswurf des Kollegen gefordert habe. Das stimmt in der Tat. Allerdings entspricht gerade die Übererfüllung der Forderung dem seit der Französischen Revolution bekannten Muster der Mobilisierung des anti-solidarischen Furors.

          Allen Ernstes ist in der Eingabe der Kollegen, die als „Gemeinschaft“ von Empörten sprechen, von „McNeils Opfern“ die Rede. Das Gruseligste an diesem Gesinnungsterror ist, dass er sich um die Gesinnung gar nicht schert. Nur um die Sprache geht es: Durchgreifende Kontrolle verwandelt sie in ein System von Codewörtern.

          Frankfurter Allgemeine Zeitung

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