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Ran an die Rendite : Das Ende des privaten Fernsehens

Eine nachrichtenlose Zeit bricht an bei Sat. 1 und Pro Sieben Bild: REUTERS

Der Beschluss der Investoren, die Sendergruppe Pro Sieben Sat.1 von Programminhalten zu befreien, markiert das Ende einer Ära. Privatfernsehen verkommt zum reinen Kommerz. ARD und ZDF können sich freuen.

          Die Eigentümer des Privatsenderkonzerns Pro Sieben Sat.1 haben in dieser Woche ein Kapitel der deutschen Rundfunkgeschichte beendet. Sie haben es begraben und das Ende dieser Ära noch nicht einmal mit einer Traueranzeige umflort. Es ist das Ende des Systemkampfs zwischen den öffentlich-rechtlichen und den privaten Sendern auf inhaltlicher Ebene, denn von nun an sollen Pro Sieben und Sat.1 tatsächlich nur noch sein, was ARD und ZDF den Privatsendern seit je vorwerfen: Plattformen für den Kommerz, wobei es hier nicht einmal mehr um Kunden, sondern nur noch um Anleger geht.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Die Finanzinvestoren Permira und KKR, denen die Pro-Sieben-Sat.1-Gruppe gehört, vernichten mit Sat.1 einen der führenden deutschen Fernsehsender, sie entlassen die Hälfte der Belegschaft und glauben noch, sie tun gut daran. Denn im Sinne des Finanzmarkts handeln sie mit der Zerschlagung scheinbar richtig, da sie jetzt vielleicht bessere Zinskonditionen zum Abbau der Schulden aushandeln können. Schulden, die die Sender nicht hatten, bevor sie von den Investoren zum Fabelpreis von 3,3 Milliarden Euro gekauft wurden. Sat.1, Pro Sieben und die kleineren Sender der Gruppe warfen eine Rendite von mehr als zwanzig Prozent ab, sie beherrschen knapp ein Drittel des Fernsehmarkts, sie machen ein erfolgreiches Programm. Allein, in den Augen ihrer neuen, gesichtlosen Eigentümer, auf die Franz Münteferings Diktum von den „Heuschrecken“ zu genau passt, zählt dies alles nicht.

          Eine rundfunkhistorische Konsequenz

          Es zählt nicht, dass Sat.1 der erste deutsche Privatsender überhaupt war und der - wenn man so will - öffentlich-rechtlichste unter den Privatsendern ist, der sich noch stets in den Spagat zwischen Quote und Qualität begab und den Wettbewerb um die Gunst des Publikums und der Anzeigenkunden und dann auch noch - ein wenig - der Kritiker in sämtlichen Genres aufnahm. Diejenigen, die Pro Sieben und Sat.1 nun in Händen haben, wissen mit all dem nichts anzufangen. Es ist sogar fraglich, ob ihnen überhaupt noch der „Rundfunk“ etwas sagt. Mit journalistischen Kategorien braucht man ihnen nicht zu kommen, haben sie doch beschlossen, das Informationsprogramm des Senders Sat.1 auf nahe null zu bringen. Diese Investoren kennen keine Werte, die sich nicht als Renditeerwartung ausweisen lassen, gesellschaftliche schon gar nicht. In ihrem kurzfristigen Gewinnstreben vernichten sie sogar das unternehmerische Kapital, das Pro Sieben Sat.1 in mehr als zwei Jahrzehnten aufgebaut hat.

          Dass es dabei ausgerechnet Sat.1 erwischt - den Sender, dessen Minibelegschaft von rund 270 Mitarbeitern auf 170 schrumpfen soll -, hat sogar so etwas wie eine rundfunkhistorische Konsequenz. Der Sender war schon immer Avantgarde. Er ging als erster Privater am 1. Januar 1984 auf Sendung. Es war eine chaotische Angelegenheit, gab es doch nicht einen, sondern mehr als zwei Dutzend Eigentümer, von denen keiner so genau wusste, wie das Geschäft funktioniert. Man nannte es „Verlegerfernsehen“. Dann brachte Leo Kirch diesen und andere Sender unter seine Kontrolle und formte einen Konzern daraus, der erste echte Fernsehmogul deutscher Provenienz.

          Tragischer Niedergang

          Nach seinem Untergang kamen zum ersten Mal Finanzinvestoren im deutschen Fernsehen zum Zug: Der amerikanische Medienunternehmer Haim Saban und sechs Mitinvestoren übernahmen im Herbst 2003 Pro Sieben Sat.1 zum Schnäppchenpreis von nur 525 Millionen Euro. Hiesige Medienkonzerne wie die WAZ oder der Bauer Verlag zögerten oder wurden, wie Springer, von der Medienkontrolle ausgebootet. Sowohl das Bundeskartellamt als auch die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK) bilden sich bis heute viel darauf ein, dass der bereits ausgehandelte Verkauf von Pro Sieben Sat.1 an Springer vor anderthalb Jahren nicht zustande kam. Man habe auf diese Weise überbordende Meinungsmacht verhindert. Dass sie damit international agierenden Investoren den Boden bereitet haben, deren Finanz- und Meinungsmacht jene Springers um ein Vielfaches übersteigt, geht über ihren Horizont.

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