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Thomas Pynchon als Hörspiel : Raketenwerfer für den Untergang

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: Manuel Harder, Max von Pufendorf und Golo Euler (von links) bei den Aufnahmen zu „Die Enden der Parabel“. Bild: SWR/Nirto Karsten Fischer

Thomas Pynchons Jahrhundertroman „Die Enden der Parabel“ hat der SWR großartig vertont: ein vierzehnstündiger Totenstimmentanz am Rande des Wahnsinns.

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          Dreihundert Jahre nach Newton entdeckte auch die Literatur die Schwerkraft. Sie unterminiert alle Geradlinigkeit. Der große, geheimnisvolle Schriftsteller Thomas Pynchon erhob daher 1973 die Parabel zum Signum der blutigen Epoche am Ende der Moderne. Sie findet bei Pynchon ihren ultimativen Ausdruck in der Flugbahn der mythisch überhöhten deutschen „Vergeltungswaffe“ V2. Die Enden dieser Parabel sind Abschuss und Einschlag, wobei der Überschallgeschwindigkeit wegen das Heulen erst nach dem Einschlag zu hören ist, was den gesamten Vorgang zu einem nahezu simultanen macht. So nah sind sich die Parabelenden, dass zwischen ihnen eine erotische Spannung besteht, eine Art Ursache-Wirkung-Ekstase, die Geburt, Tod und Erlösung zugleich bedeutet.

          Die Todessehnsucht, die das Kernmotiv des Romans „Gravity’s Rainbow“ („Die Enden der Parabel“) bildet und keineswegs nur deutsche Faschisten beherrscht (diese aber mit besonderer Besessenheit), scheint hier mit dem Wunsch zusammenzufallen, das Ursache-Wirkung-Prinzip und alles kalt Technologische endlich zu überwinden, um orgiastisch zum Irrationalen vorzudringen, zur Entropie, dem alles gleichmachenden Wärmetod des Universums. Nur ein derart megalomanes Buch, das mit offenen, einander sogar negierenden Handlungssträngen und mehreren hundert Figuren an die Grenze der Lesbarkeit geht (und darüber hinaus), das anarchisch, aber stilistisch vollendet Comic-Plots, Popdiskurse, Verschwörungstheorien, wüste Pornographie, historische Recherche, Philosophie, Technologiewissen und Hochkultur mischt und vor Verweisen und Andeutungen schier explodiert, nur ein solches restlos überdeterminiertes Ereignis von einem Buch, formal allenfalls mit James Joyces „Ulysses“ zu vergleichen, scheint dem paranoischen Wahnsinn angemessen, der die Gesellschaft vor einem knappen Jahrhundert erfasst und die Welt fast in den Untergang gerissen hat.

          Manfred Hess hatte Pynchon jahrelang mit dieser Bitte traktiert

          Ein Ereignis ist es auch, womit der Sender SWR2 jetzt reüssiert: eine ganz und gar staunenswerte Vertonung dieses Jahrhundertbuchs. Erstmals hat Pynchon einer solchen Bearbeitung zugestimmt. Manfred Hess, Chefdramaturg beim Hörspiel des SWR, hatte ihn jahrelang mit dieser Bitte traktiert. Regie und Bearbeitung übernahm der Komponist und Autor Klaus Buhlert, der bereits mit seinem gewaltigen „Ulysses“-Projekt (2012) Furore machte. Es gilt auch hier: Diesen vierzehnstündigen, oftmals anstößigen, stets abgedrehten, aber zugleich brutal witzigen Totentanzexzess kann man nicht einfach anhören. Man muss sich ihm aussetzen. Das jedoch lohnt sich. An der ein oder anderen Stelle auszusteigen ist nicht tragisch, denn die kreisende Erzählweise und das treffliche musikalische Konzept holen einen jederzeit wieder herein. Buhlert hat zudem vorzüglich verdichtet, ohne vom Text – natürlich in der prächtigen Übersetzung von Elfriede Jelinek und Thomas Piltz – mehr als nur homöopathisch abzuweichen. Geschätzt zwei Drittel des Romans wurden weggelassen, was es tatsächlich ein wenig einfacher macht, der Handlung, wenn davon hier die Rede sein kann, zu folgen.

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