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Radioskandal in Amerika : Ein falsches Wort, und er war erledigt

Zu weit gegangen: Don Imus Bild: AP

Wenn ein Weißer von „kraushaarigen Huren“ redet: Der amerikanische Radiomoderator Don Imus hat einen Skandal ausgelöst. Ist er ein Rassist? Ein Opportunist? Oder ein skrupelloser Geschäftsmann?

          Ein Shock Jock ist ein Großmaul, welches dafür bezahlt wird, Skandälchen zu produzieren, ohne echte Skandale loszutreten. Das hat Don Imus dreißig Jahre lang getan, in vieler Hinsicht weniger derb als seine Kollegen, die sich fälschlich als Moderatoren bezeichnen. Denn im amerikanischen Radio geht es alles andere als moderat zu, wenn Shock Jocks vom Leder ziehen und sich dabei von ihren kaum weniger großmäuligen Zuhörern anfeuern lassen. Die Bewusstseinslage solcher Radiosendungen ist die des Stammlokals, wo nach dem fünften Bier an der Theke die Sau herausgelassen wird und alle politischen oder sonstigen Korrektheiten zu Bruch gehen. Gleichwohl gibt es auch da Grenzen, die nicht ungestraft zu überschreiten sind.

          Jordan Mejias

          Feuilletonkorrespondent in New York.

          Imus hat das spektakulär zu spüren bekommen. Das Unglück passierte letzte Woche, als er die Spielerinnen des vorwiegend schwarzen Basketballteams der Rutgers University „nappy-headed hos“ nannte, also etwa: „kraushaarige Huren“. Die Lawine der Empörung setzte sich sehr allmählich in Bewegung. Feministinnen und schwarze Bürgerrechtler meldeten die ersten Proteste an, und als sie anschwollen, als sogar der schwarze Präsidentschaftskandidat Barack Obama in die Debatte eingriff und Werbekunden umgehend ihre Verträge lösten, wurde zunächst die tägliche Simultanübertragung im Fernsehen und jetzt schließlich auch die Radiosendung selbst abgesetzt. All die Prominenz aus Politik, Sport und Unterhaltung, die bei Imus vorbeischaute, weil sie etwas zu verkaufen oder zu verkünden hatte, all seine karitativen Unternehmungen, die seit Jahrzehnten schwerkranken Kindern zugute kommen, all seine tiefzerknirschten Entschuldigungsbeteuerungen über den Fauxpas konnten ihm nicht mehr helfen. Ein falsches Wort, und er war erledigt.

          Vom Skandälchen zum Skandal

          Wie sich das Skandälchen zum Skandal entwickelte, ist gar nicht so leicht zu erklären. Wäre ein schwarzer Rapper oder Komiker über „nappy-headed hos“ hergezogen, hätte nirgendwo eine Alarmglocke geschrillt. Bei ihnen gelten andere Grenzen, und Vorwürfe, die ihnen wegen Frauenfeindlichkeit gemacht werden, stecken sie noch immer locker weg. Nun ist Imus aber weißer Hautfarbe. Nur weil Snoop Dogg „ho“ sagt, hat Imus mit Recht keinen Freibrief, es ihm gleichzutun. Auch dass er nicht zum ersten Mal mit Äußerungen auffällt, die auf Kosten von Juden, Katholiken, Frauen, Schwulen und Schwarzen nach Pointen suchen, hilft ihm nicht weiter.

          Obwohl über die Jahre genau das von ihm erwartet wurde und er genau dafür seine zehn Millionen Dollar im Jahr bekam. Mit der unerlaubten Grenzüberschreitung, mit der Freiheit und Frechheit des Narren ging er auf Publikumsfang. Ist er deswegen ein Rassist? Ein Opportunist? Ein skrupelloser Geschäftsmann? Oder offenbart sich in dem Medienradau nicht die Kluft zwischen einer Realität, die niemand wahrhaben will, und einem Ideal, das sich auf Illusionen stützt? Hier das Vokabular nach Vorschrift, dort seine schmutzige, trotzige Kehrseite. Dazwischen ist viel Platz für scheinheilige Proteste.

          Der schwarze Aktivist Al Sharpton will in der Affäre einen Missbrauch der öffentlichen Radiowellen erkennen. Dagegen werden im rechten Lager schon Befürchtungen laut, dass es nach Imus, der sich politisch irgendwo in einer schlecht definierbaren Mitte aufhält, auch erzkonservativen Shock Jocks wie Rush Limbaugh an den Kragen gehen könnte. Beide Seiten werden jedenfalls nicht nur Anstand und korrekten Bürgersinn im Visier haben, wenn auch Macht und Meinungshoheit auf dem Spiel stehen. Um ihre Zukunft brauchen sich die Shock Jocks indes nicht zu sorgen. Howard Stern hat sich schon reich belohnt in einen Satellitenkanal zurückgezogen, wo nur noch die Zuhörer mit ihren Empfangsgebühren bestimmen, was er sagen darf. In einem solch lukrativen Radiogetto, das seinen eigenen Regeln folgt, könnte auch Imus bald wieder zu vernehmen sein.

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