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Radionutzung in Deutschland : Die frohe Botschaft weckt den Zweifel

  • -Aktualisiert am

So beliebt wie eh und je? Das Radio erfreut sich angeblich hoher Einschaltquoten Bild: Wohlfahrt, Rainer

Zweimal im Jahr gibt es eine statistische Analyse über Nutzung und Reichweite des guten alten Radios. Stets fühlen sich dann sämtliche Sender als Sieger. Dabei ist die Erhebung der Daten fragwürdig.

          Schüler neigen dazu, ihre Zeugnisse schönzureden. Die Noten der anderen, so ein beliebtes Argument, seien auch nicht besser. Oder: Die eigenen sind immerhin ansprechender als zuletzt. Oder: Der Lehrer hat einen nicht gemocht. Oder: Es lief mündlich besser als schriftlich. Oder: Man wollte halt mal mit schlechten Noten provozieren. Kurzum: Die Möglichkeiten für Erfolgsgeschichten kennen keine Grenzen.

          So ähnlich ist es auch beim Radio. Die Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse, die im Auftrag ihrer rund zweihundertfünfzig Mitglieder - unter ihnen Werbetreibende, Agenturen, Verlage, Sender - regelmäßig Medienreichweiten ermittelt, legte jüngst die aktuellen Zahlen für den Hörfunk vor. Die von fünf Meinungsforschungsinstituten zusammengetragenen Daten sind für die Radiomacher das, was für die Schüler das Zeugnis ist: Hängt im Klassenzimmer die Versetzung von den Noten ab, so die Werbeeinnahmen der Sender von den zweimal jährlich kommunizierten Reichweiten. Die Logik dahinter: Wer viele Hörer hat, der kann auch höhere Erlöse aus dem Verkauf von Werbespots erwarten.

          Kreative Auslegung der Umfragewerte

          Ähnlich kreativ wie die Schüler zeigen sich folglich die Radiosender beim Vermelden ihrer Resultate. Beispiel Bayern: Der öffentlich-rechtliche Bayerische Rundfunk reklamierte, er sei der „große Gewinner“, während sich der Privatanbieter Antenne Bayern freute, die „1-Mio.-Hörer-Marke“ geknackt zu haben als „meistgehörter Radiosender Deutschlands“. Beispiel Niedersachsen: NDR 1 (öffentlich-rechtlich) beteuerte, „seit 20 Jahren unangefochtener Marktführer“ zu sein, während FFN (privat) mit „einer durchschnittlichen Stundenreichweite von 469 000 Hörern“ seine „Spitzenreiterposition“ zu verteidigen vorgab. Beispiel Berlin: 104.6 RTL (privat) jubilierte, die „klare Nummer eins“ in der Hauptstadt abzugeben und „Hörer-Millionär“ zu sein, während Antenne Brandenburg (öffentlich-rechtlich) sich rühmte, das „erfolgreichste Radioprogramm in der Region“ darzustellen mit „217 000 Hörerinnen und Hörern in der Durchschnittsstunde“.

          Das Erstaunliche dabei: Keiner lügt. Aber natürlich ist die Wahrheit ungleich komplizierter. Die Zahlen, welche die „MA 2013 Radio II“ ausweist, führen in einen wahren Datendschungel: Es geht etwa um Verweildauer, um Durchschnittshörer pro Stunde, die Werbeträgerreichweite, um den weitesten Hörerkreis, die Bruttokontaktsumme und um spezifische Zielgruppen. Für die Sender heißt das: Wer suchet, der findet - sich als Nummer eins. Es stehen so viele Informationen bereit, dass für jeden etwas Passendes dabei ist. Das allein erschiene weniger problematisch, wenn nicht die Datenerhebung selbst umstritten wäre.

          Angeblich 58 Millionen Hörer täglich

          Montags bis freitags schalten knapp achtzig Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung in der Bundesrepublik das Radio ein, absolut rund 58 Millionen Menschen. Im Schnitt hört jeder täglich 198 Minuten Radio. So jedenfalls das Ergebnis der aktuellen Messung. „Das Radio ist ein Medium der Gegenwart und der Zukunft“, frohlockte der ARD-Vorsitzende und NDR-Intendant Lutz Marmor angesichts dieser Werte. Fragt man allerdings Horst Müller, Professor für Redaktionspraxis an der Hochschule Mittweida, ist solchen Botschaften nicht wirklich zu trauen. „Das Grundübel der Analyse ist ihre Methode“, sagt Müller, früher selbst als Radiomacher aktiv. „Die ermittelten Einschaltquoten basieren rein auf dem Erinnerungsvermögen der Befragten“, so Müller.

          Er hat recht. Rund dreißig Jahre lang wurde die Hörfunknutzung in Deutschland in Form persönlicher Interviews erforscht, seit 2000 geht es telefonisch. Für die aktuelle Analyse wurden rund 67 000 sogenannter „Computer-Assisted Telephone Interviews“ (CATI) ausgewertet. Dabei müssen die Teilnehmer angeben, welchen Sender sie wann am Vortag gehört haben - im 15-Minuten-Takt. Jede Nennung wird also mit einer mindestens fünfzehnminütigen Hörzeit pauschal verbucht, selbst wenn ein Sender kürzer eingeschaltet wurde oder die Erinnerung des Probanden trügt. Beides ist nicht unwahrscheinlich: Denn wer weiß noch mit Sicherheit und im Viertelstundentakt, wann er gestern das Radio eingeschaltet hatte?

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