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Radioerfolg im Netz : Stell dir vor, die Nutzer zahlen

  • -Aktualisiert am

Ihre Netzshow ist ohne Beispiel. Mit „No Agenda“ zeigen John C. Dvorak und Adam Curry, wie man mit kritischem und textlastigem Radio im Internet Hörer erreichen und sogar Geld verdienen kann.

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          Unter all den Erwartungen, die an das Internet herangetragen und doch enttäuscht wurden, war Bertolt Brechts Radiotheorie, nach der jedem noch so kleinen Produzenten ein Publikum beschert werde, eine der langlebigsten. Das Internet hat die Institutionen aber nicht überwunden, sondern im Gegenteil: Es hat Giganten erschaffen, milliardenschwere Konzerne. Kleine Medieninstitutionen, die dieser Entwicklung widerstehen, kämpfen um ihre wirtschaftliche Freiheit. Sie sind zumeist von Werbeerlösen abhängig. Dass ein Publikum ein Medienangebot selbständig, nachhaltig und direkt finanziert, bleibt ein unerfüllter Wunsch. Doch es gibt eine Ausnahme.

          Seit fünfeinhalb Jahren betreiben die Amerikaner John C. Dvorak und Adam Curry mit der Show „No Agenda“ einen Podcast, also eine im Internet abrufbare und zu abonnierende Radiosendung, die das Geschäftsmodell „Value for Value“ verfolgt. Sie senden zweimal pro Woche eine aufwendige und bis zu drei Stunden lange Talkshow und bestreiten diese allein von den Spenden ihrer Hörer, die sie „die Produzenten des besten Podcasts im Universum“ nennen. Auf schätzungsweise 250.000 Dollar pro Jahr belaufen sich die Einnahmen.

          Mit reichlich praktischer Erfahrung

          Ganz ohne klassische, institutionelle Medienerfahrung der Macher gelang der Erfolg der Internetshow allerdings nicht. Der 1952 geborene Technologiejournalist Dvorak schreibt seit Jahrzehnten Kolumnen, in denen er sich gegen die gängigen Technologietrends stellt. Berühmt ist er für ein Zitat aus dem Jahr 1984, in dem er die für den Macintosh erfundene Computermaus als von Menschen wohl kaum gewolltes Experiment von Apple darstellt. Bis heute tritt er in seinen Texten als „Buzzkill“ auf und redet als häufiger Gast von „This Week in Tech“ gegen die Technikeuphorie der Silicon-Valley-Protagonisten an.

          Curry, Jahrgang 1964, machte seine Laufbahn in den Medien nicht nur berühmt, sondern auch reich. Mit 23 Jahren wurde er MTV-Moderator. Dass er für den Sender die Domain „mtv.com“ registrierte und Sprachrohr im Internet werden wollte, brachte ihm viel Ärger ein. Im ersten Internetboom führte er ein Unternehmen mit mehreren hundert Mitarbeitern an die Technologiebörse Nasdaq. 2004 schuf er eine Videoplattform, ein Jahr vor der Gründung von Youtube. Als „Podfather“ zählt er heute zum Erfinderkreis des Podcastings.

          „No Agenda“ hält, was die Biographien der beiden versprechen: Misstrauen und Kritik gegenüber allen Institutionen und Entwicklungen, gepaart mit dem unbedingten Willen zu unterhalten. Curry und Dvorak nehmen insbesondere amerikanische Medien unter die Lupe und unterziehen Ausschnitte aus Radio- und Fernsehsendungen, die sie in jeder Sendung im Dutzend vorspielen, einer Zweitverwertung - sie legen über die Aussagen der Politiker und Moderationen von Journalisten eine eigene Weltsicht, in der eine abenteuerliche Bandbreite an Haltungen zum Vorschein kommt und insbesondere als alternativlos geltende Szenarien zerpflückt werden. Präsidenten kommen bei ihnen nicht gut weg, ebenso das Militär, Geheimdienste und Zentralbanken.

          Ihrem Publikum verlangen Curry und Dvorak einiges ab. Den Zuschnitt der Sendung mit ihren zahlreichen Querbezügen kann man erst nach Wochen nachvollziehen, und nicht selten wiegen die Na-ja-Effekte die Aha-Effekte auf. Doch die Hörergemeinde wächst, nicht nur in Amerika, wo sich die großen Medieninstitutionen inzwischen offen politischen Lagern zurechnen und der Name „No Agenda“ für ein alternatives Programm durchaus passt. Adam Curry schätzt, dass etwa ein Prozent der Zuhörer für das Programm bezahlen. Zur 500. Ausgabe am Sonntag, den 31. März, wird der Anteil wohl etwas höher sein.

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