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Radio : Wir stehen vor einer digitalen Ruine

  • -Aktualisiert am

Das Bauwerk von Stonehenge geht auf die Jungsteinzeit zurück. Über seinen ursprünglichen Zweck streiten die Gelehrten bis heute. Das ist beim ungleich jüngeren, digitalen Radio nicht anders. Über dessen Sinn herrscht seit Anbeginn des sogenannten DAB keine Einigkeit. Bild: dpa

Das digitale Radio ist keine Erfolgsstory. Es ist die Ausgeburt einer technischen Phantasie aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. An den Hörern hat sie sich nie orientiert. Brauchen wir das?

          Der digitale Radiostandard DAB ist die Umsetzung einer deutschen Ingenieursphantasie, die in den achtziger Jahren in der Technikdirektion des Bayerischen Rundfunks und im Münchener Institut für Rundfunktechnik entstand. Ein 1999 nach mehrjähriger Pilotphase ausgerufener „Regelbetrieb“ blieb derart folgenlos, dass sich bald Schlagzeilen wie „Technik sucht Akzeptanz“ oder „Subventionsleiche DAB“ häuften. Als die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (Kef) 2008 die Weiterfinanzierung des DAB-Projekts verweigerte, wäre eine gründliche Analyse des Scheiterns notwendig gewesen. Stattdessen erfolgte ein Neustart mit dem weiterentwickelten Standard DAB+. Die Medienpolitik machte keine klaren Vorgaben, sie nahm nur 2011 das früher festgelegte UKW-Abschaltdatum 2015 ersatzlos vom Tisch.

          Zumindest bis 2010 blieb UKW uneingeschränkt die sinnvollste Übergangstechnologie zur digitalen Welt. Seitdem verschlingt auch die zweite Einführungswelle des terrestrischen Digitalradios wieder Hunderte Millionen Euro und hat noch kein befriedigendes Resultat erreicht. Etwa zehn Prozent der deutschen Haushalte verfügen laut aktuellem Kef-Bericht über DAB-Empfangsgeräte. 6,4 Millionen DAB-Radios bilden gegenüber zweihundert bis dreihundert Millionen UKW-Empfängern eine marginale Größe. Die tatsächlichen Reichweiten werden nicht ausgewiesen. Eine eigens dazu beauftragte Studie der Landesmedienanstalten lieferte 2015 dann doch keine getrennten Zahlen für die DAB+- und die Internetnutzung.

          Wo bleibt der Zusatznutzen?

          Das Internet wäre für den Hörfunk heute ein viel bedeutenderes Verbreitungs- und Kommunikationsfeld, wenn die Entwicklungskosten von DAB in Internet-adäquate Verbreitungsformen gelenkt worden wären. An die Stelle schlechter terrestrischer Sendequalität via UKW oder DAB+ könnten für ausgewählte Programme hochklassige Streams treten. Die etwa fünfhundert jährlich aus Rundfunkbeiträgen neu produzierten Hörspiele könnten im Web zugänglich werden und bleiben. Heute fallen sie nach ein oder zwei regionalen Ausstrahlungen ins Nirwana geschlossener Archive oder müssen bei kommerziellen Vertriebspartnern erworben werden. Auch die Rundfunkarchive wären Elemente einer Internet-orientierten Transformationsstrategie. Für ihren Betrieb und ihre Funktion gibt es eigenartigerweise keinen gesetzlichen Auftrag, und für die Erweiterung ihrer Zugänglichkeit keine finanziellen Mittel. Das System der Urheber- und Verwertungsrechte blockiert die Erfüllung des vielfach geäußerten Wunschs nach Öffnung der Archive. Die Konzentration auf Internet-adäquate Nutzungsformen bietet zudem Chancen für die Partizipation des Publikums.

          Schon 2007 verwies der 16. Kef-Bericht darauf, dass die DAB-Konzeption nicht mehr zu der digitalen Medienumgebung passte. In die Perspektive des globalen Medienwandels haben die Rundfunkanstalten jedoch ihre Finanzierungswünsche nie gestellt. Für sie war und ist DAB+ eine vorteilhafte alternative Verbreitungstechnik zu UKW. Häufig wird auch mit einem Zusatznutzen argumentiert. Die Intendanten Steul, Wille und Wilhelm (F.A.Z. vom 19. April) schreiben: „Über den digitalen DAB-Weg kann neben dem Radio-Signal eine Fülle zusätzlicher Informationen übermittelt werden, der Phantasie sind keinerlei Grenzen gesetzt.“

          Testfahrten auf der Autobahn

          Phantasie hatten die frühen DAB-Verfechter um den BR-Technikdirektor Müller-Römer, die Online-Zeitungen, Hotelführer, Navigationsdienste und sogar mobiles Fernsehen via DAB versprachen. Für letzteres wurden Versuchsfahrten auf der Autobahn mit Geschwindigkeiten jenseits der 250 Stundenkilometer veranstaltet – „erfolgreich“ natürlich. Auch vor dem Neustart des Digitalradios mit DAB+ (2011) wurden phantastische „Mehrwertdienste“ ersonnen – Visual Radio, der Verkehrsdienst TPEG, Podcast via Broadcast. Ein Abgleich dieser Ideen mit marktgängigen Diensten, die sich im Internet herausbildeten, fand nicht statt. In den finanziell und institutionell geschützten Räumen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wurden utopische Wolkenreiche gebaut, die nie durch belegbare Verbraucherwünsche, Marktanalysen und Abstimmungen mit Industrie und Handel geerdet wurden.

          Das Ergebnis ist eine digitale Ruine, mit der sich die meisten Marktakteure bis heute nur ungern befassen. Die staatsvertraglich eingesetzte Kef bemängelt, dass die Politik keine klaren Vorgaben mache und die Rundfunkanstalten keine definitiven Planungen vorlegten. Dass in unserem Regulierungssystem ein solches Weiterwurschteln ohne klare Konzeption und eindeutige rahmende politische Willensäußerungen möglich ist, verdiente eine gesonderte Betrachtung. Die Entwicklung des Digitalradios ist jedenfalls eher an den wechselhaften Eigendynamiken der beteiligten Institutionen orientiert als an einem Langzeitkonzept, das sich den Anforderungen des Medienwandels stellt.

          Die Privaten haben keine Alternative

          Die privaten Radiounternehmen in Deutschland haben sich gegen die Einführung von DAB+ als digitale Zielperspektive gesträubt, können jedoch bis heute keine überzeugende Alternative formulieren und durchsetzen. Es ist verwunderlich, dass sie den von ihnen präferierten Übergang von der analogen Verbreitung zur Internetverbreitung nicht längst aktiv und auf eigene Faust vorbereiten. Die Websites und Apps der privaten Radios wirken wenig inspiriert, sie beschränken sich im Grunde auf sendungsbezogene Begleit-PR. Insgesamt scheint es in Deutschland an innovativen unternehmerischen Ideen für privaten Hörfunk zu mangeln.

          Das mag damit zusammenhängen, dass viele deutsche Radiowellen Zweitgeschäfte von Zeitungsverlegern sind, die von diesen mit der linken Hand betrieben werden. Geschäftsmodelle für Internet-Anwendungen erfordern qualifizierte Anstrengungen und eine andere Denkweise als die im Rundfunkbereich gängige. Auch die erfolgreiche Werbefinanzierung von Online-Auftritten verlangt andere Konzepte als die eingeübte Orientierung am Tausenderkontaktpreis. Der Audiostream allein – hier sind sich amerikanische und europäische medienökonomische Analysen einig –, reicht zum profitablen Betrieb eines Internet-basierten Radios nicht aus.

          Das geht nicht auf Knopfdruck: Die Umstellung von UKW auf DAB+ kostet sehr viel Geld und sehr viel Zeit.

          Eine Hörfunk-Strategie, die einer digitalen Medienkultur angemessen ist, muss eine Verschiebung der Perspektive akzeptieren. Die Zeit, in der Musikfreunde zu Hause nur die Wahl hatten, das Radio einzuschalten oder eine Schallplatte aufzulegen, ist lange vorbei. Konsumenten kontrollieren in großem Maß die Audionutzung selbst, und der Hörfunk ist nur noch eine Quelle unter anderen. Umso mehr kommt es darauf an, mit welchen Merkmalen er sich eine Position im Konsumenten-Portfolio verschafft. Weltweit kämpfen Radio-Unternehmen mit der Anpassung ihrer Geschäftsmodelle an die veränderten Medienverhältnisse. Dabei werden zwei Trends als erfolgversprechend angesehen: Lokalisierung und Multi-Plattform. In Verbindung damit ist das Verhältnis von linearen und non-linearen Angeboten zu bestimmen. Kooperationen zur Verbreitung ausgewählter Inhalte auf anderen Plattformen sind allerdings erst dann in größerem Maßstab möglich, wenn schon bei der Produktion auswählbare Objekte mit entsprechenden Metadaten erzeugt werden.

          Das Radioprogramm wird zerlegt

          Der Hörfunk ist in der digitalen Medienwelt eine bedrohte Gattung. Die Zerlegung in seine Formatelemente ist im Gange. Musikdienste machen differenzierte Streaming- und Offline-Angebote. Abrufbare Hörspiele, Features, Dokumentationen, Soundart und musikalische Eigenproduktionen sind in Deutschland noch nicht so erfolgreich wie in anderen Ländern. Es mangelt hier an inhaltlicher Vielfalt und Breite, weil die Sender nicht genügend Mittel für die Rechteabgeltungen aufwenden, sondern diese lieber an anderen Stellen – wie den zeitlich bislang unbestimmten Simultanbetrieb von UKW und DAB+ – verschleudern. Dabei könnte genau mit diesen Formaten der Nachweis erbracht werden, dass und wie „Public Value“ im Internet mit beitragsfinanzierten Produktionen realisierbar ist. Die journalistisch-redaktionellen Anteile des Hörfunks und die indigenen Radio-Formate bilden ein akustisches Ökosystem, um dessen Schutz und Weiterentwicklung die Konzeptionen von Planern kreisen müssten.

          Das Radio wird seinen Charakter als autarke Mediengattung, die ihre exklusiven Inhalte mit eigener Technik auf eigenen Kanälen verbreitet, verlieren. Das letzte große Hindernis für einen Übergang ins Internet ist die Lösung für den Betrieb im Auto, die den Verbrauchern keine zusätzlichen Kosten aufbürdet. Das Argumentieren mit Zusatzleistungen, die das digitale Radio erbringen könnte, ist angesichts der dynamischen Entwicklung des Internets sinnlos. Umgekehrt geht es darum, einen großen Teil der Hörfunkproduktion als unverzichtbare Zusatzleistung im Strom der alltäglichen Mediennutzung darzustellen. Auch wenn „das Radio“ weiterhin zur Begleitung einiger Tagesabschnitte eingeschaltet wird, wird es zunehmend und unwiderruflich von der interaktiven Mediennutzung überlagert und umgeformt.

          Die digitale Transformation des Rundfunks ist mit der Umwertung seiner Elemente verknüpft. Dies gilt für den Hörfunk noch stärker als für das Fernsehen. Er findet momentan gerade auf dem Gebiet den größten Zuspruch, das am wenigsten Hörfunkspezifisch ist, der populären Unterhaltungsmusik. Im Internet droht ihm auf diesem Gebiet die größte Gefahr. Tausende Webradios und Musikdienste wie Spotify bieten Personalisierungsmöglichkeiten von der selbst zusammengesuchten Playlist bis zur Auswahl professionell zusammengestellter „Radioprogramme“. Die Simulation des Radioerlebnisses machen Services perfekt, die regelmäßig Nachrichten über die Streams legen.

          Angesichts der in die Digitalradiotechnik geflossenen Investitionen ist sie allenfalls als planvolle Übergangslösung für ein begrenztes Angebot sinnvoll und zu legitimieren. Die Befürwortung dieser Technik darf jedoch nicht mit einer Transformationsverweigerung verbunden bleiben. Manchmal scheint es so, dass auf DAB+ nur gesetzt wird, um der Kränkung eines einst stolzen und autonomen Mediums noch eine Zeitlang entgehen zu können.

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