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Radio-Renaissance per Stream : Jeder ist sein eigener Sender

  • -Aktualisiert am

Drücken Sie bitte diese Taste: Für jüngere Hörer ist heute schon der Begriff Sender so antiquiert, wie es die Mittelwelle für die Generation UKW war. Aber wer wird denn gleich abschalten? Bild: dpa

Wieso streiten sich alle ums Digitalradio? Die Technik ist von gestern, die Zeit großer Sender vorbei. Das neue Radio spielt im Internet. Einzig hier muss man investieren. Ein Gastbeitrag.

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          Soll UKW abgeschaltet werden und wann? Braucht es eine Art Abwrackprämie für analoge Radiogeräte oder sollte gar, wie in Österreich ernsthaft vorgeschlagen, ihr Verkauf verboten werden? Die unter dem Stichwort „Digitalradio“ geführte Debatte um den Sendestandard DAB+ versetzt den außenstehenden Beobachter oft in Staunen: Große gegen kleine Sender, Bayern gegen NRW, Private gegen Öffentlich-Rechtliche. Einig zu sein scheinen sich alle Rundfunkanstalten nur in der Frage der Finanzierung: Steuer- und Gebührengelder müssen es richten. Von bis zu einer Milliarde Euro ist die Rede. Was in der Debatte bislang völlig fehlt, ist eine echte digitale Perspektive.

          Ein tatsächlich digitales Medium ist das Internet: Audioinhalten per IP-Protokoll zu lauschen, das sogenannte „Streaming“, ist heute alltägliche Medienpraxis. DAB+ hingegen ist eine fast dreißig Jahre alte Broadcast-Technologie, der entscheidende Merkmale digitaler Medien abgehen: Der Platz für neue Angebote bleibt eng begrenzt, Interaktivität existiert mangels Rückkanal nicht. Das sogenannte Digitalradio DAB+ ist im heutigen Kontext insofern etwa so innovativ wie eine Audio-CD.

          Größtmögliche Reichweite

          Hauptargument der DAB-Befürworter ist der Kostenvorteil: Als Broadcast-Medium ist es mit den entsprechenden Geräten schließlich kostenfrei empfangbar. Für traditionelle Massenmedien scheint das auf den ersten Blick die effizienteste Verbreitung zu sein. Bleibt die Frage, inwiefern solche Massenmedien in einer digitalisierten Medienwelt überhaupt noch eine Rolle spielen.

          Digitalisierte Medienmärkte sind gekennzeichnet von Individualisierung und Fragmentierung - kurz: Vielfalt. Das Geschäftsmodell konventionellen Radios beruht auf dem Gegenteil: Es herrscht Frequenzknappheit, nur bestimmte Ausschnitte des Frequenzspektrums sind für Rundfunksendungen geeignet, weshalb die Anzahl der Sender prinzipiell begrenzt ist. Darum werden die raren Sendeplätze in komplexen politischen Regulierungsverfahren vergeben. Um mit einer so ergatterten Frequenz möglichst hohe Erlöse aus Werbung zu erzielen, muss größtmögliche Reichweite angestrebt werden.

          Eine revolutionäre Produktionsmöglichkeit

          So entstand das Formatradio: Per Marktforschung wurden kleinste gemeinsame Abschaltgründe ermittelt und das (Musik-)Programm entsprechend ausgerichtet. Das Ergebnis kennen wir unter dem Stichwort „Dudelfunk“: Auf den meisten Wellen läuft die gleiche Musik, solange sie nur niemanden stört. Selbst öffentlich-rechtliche Sender, die aufgrund gesicherter Gebührenfinanzierung eigentlich außerhalb dieser Werbemarktmechanismen agieren könnten, folgen mehr und mehr dem Trend zum Dudeln.

          Echte Programmvielfalt findet sich nur im Netz. Fast zweitausend Webradios gibt es laut Webradiomonitor in Deutschland, verschiedene Plattformen für User Generated Radio eröffnen jedem die Möglichkeit, einen eigenen Radiosender zu starten. Diese Programme bieten nicht nur musikalische Vielfalt - von Schlager bis Deutschrap, von Kinderliedern bis Death Metal -, sie berichten aus und für diverse Communities, global bis hyperlokal. Es ist die Erfüllung brechtscher Radioträume, jeder ein Sender, eine Art Bürgerfunk 2.0. Wohlgemerkt ohne Gebühren oder sonstige Förderungen, rein privat finanziert. Hier zeigt sich, dass das Internet eben nicht einfach nur ein weiterer Übertragungsweg, sondern vor allem eine revolutionäre neue Produktionsmöglichkeit für Radio ist.

          Werbung für ausgewählte Zielgruppen

          Inhaltlich spricht also alles für IP-Radio. Schön und gut, werden die DAB-Freunde einwerfen, aber warum hat sich Internetradio dann nicht schon längst entscheidend durchgesetzt? Und dabei verweisen sie auf die - im wahrsten Sinne des Wortes - phantastischen Hörerzahlen analogen Radios. Hier lohnt ein genauerer Blick auf die Datenquelle. Die per Telefonstichprobe erfragten Reichweiten der MA Radio, methodisch eine Markenerinnerungsstudie, führen, gelinde gesagt, zu einer Überschätzung der tatsächlichen Reichweiten des Radios. Mit der gleichen Methodik ließ sich etwa Ende 2014 ermitteln, dass gut zweieinhalb Millionen Deutsche regelmäßig einen Schokoriegel konsumieren, der fünf Jahre zuvor vom Markt genommen wurde.

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