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Radio : Hörersturz

  • -Aktualisiert am

Lieber iPod statt Rundfunk: Jugendliche sollen wieder mehr Radio hören Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Der Bayerische Rundfunk will mit einem 24-Stunden-Jugendprogramm groß herauskommen. Dadurch ist aber der Fortbestand von Bayern 4 gefährdet, denn der Klassik-Sender müßte seinen UKW-Kanal für die „junge Welle“ räumen.

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          Während den Jugendsendern des öffentlich-rechtlichen Rundfunks landauf, landab die Hörer davonlaufen, weil sie lieber im Internet surfen, chatten und downloaden, weil sie sich „ihre“ Musik per Kopfhörer vom iPod oder MP3-Gerät in die Ohren jagen, weil sie sich außerdem nicht von irgendwelchen Rundfunkmachern ein fertiges Programm vorsetzen lassen wollen und schließlich sowieso zunehmend seltener wissen, wie ein Radiogerät überhaupt aussieht, während also Sendungen wie „Das Ding“ (SWR), „MDR Sputnik“ oder „Eins Live“ (WDR) müde vor sich hin dümpeln, möchten der Bayerische Rundfunk und sein Hörfunkdirektor Johannes Grotzky nun endlich auch mit einem 24-Stunden-Jugendprogramm groß herauskommen. Das wäre nicht weiter brisant, hinge nicht deswegen der Fortbestand von Bayern 4, dem letzten reinen Klassiksender in Deutschland, am seidenen Faden.

          Laut Rundfunkstaatsvertrag stehen dem BR nicht mehr als fünf UKW-Kanäle zur Verfügung, die selbstverständlich alle belegt sind. Daher muß, soll die geplante „junge Welle“ auf UKW empfangen werden, ein Kanal geräumt werden. Geopfert werden soll, wie stets in solchen Fällen, der Klassiksender, weil der die kleinste Hörerschaft hat. Bayern 4 würde dann vollständig ins digitale Netz (DAB) abwandern und könnte nur noch von einem Bruchteil seines Publikums gehört werden. Verloren würden vermutlich nicht nur jene fünfzig Prozent der Zuhörer, die den Sender über UKW rezipieren, sondern auch noch weitere dreißig Prozent, da bei gestrichener UKW-Frequenz auch der Kabelempfang nicht mehr gesichert wäre. Hinzu kommt, daß der digitale Empfang nur im Freien einigermaßen gewährleistet wäre, da die für den sogenannten in-house-Empfang erforderliche stärkere Frequenz von der Bundeswehr bislang nicht freigegeben wird.

          Weitreichende Konsequenzen für den Sender

          Die Hörerverluste würden über kurz oder lang als Argument für die völlige Abschaffung des Senders dienen. Und schon vorher wären die Klangkörper - das erst jüngst „gerettete“ Rundfunkorchester unter Ulf Schirmer, der Chor sowie das ausgezeichnete Symphonieorchester unter Mariss Jansons - bedroht, da diese sich nur über ausreichende Produktionen für den Rundfunk legitimieren. Mit der Verschiebung von Klassikanteilen in das Programm Bayern 2 würde der BR sein Kulturangebot letztlich halbieren. Und all dies für ein Jugendprogramm, das zusätzlich im digitalen Bereich mit allen Schikanen wie einer interaktiven Internetanbindung ausgestattet werden soll, eben weil es auf UKW sowieso niemand hören wird.

          Durch den Jugendsender bedroht: Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
          Durch den Jugendsender bedroht: Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks : Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

          Abgesehen davon, daß es etwas geradezu Obszönes hat, innerhalb einer gebührenfinanzierten Rundfunkanstalt die Quote zum Gradmesser der Existenzberechtigung zu erheben, abgesehen auch davon, daß die öffentlich-rechtlichen Sender durch ihren Kulturauftrag zum Schutz von Minderheitenprogrammen verpflichtet sind, gleicht die Argumentation einer Milchmädchenrechnung. So bleibt etwa die SWR-Sendung „Das Ding“ mit einer Quote von 1,4 % hinter jenen 2 % der Hörerschaft, die Bayern 4 erreicht, deutlich zurück. Aus diesen Gründen war die Idee einer Jugendwelle, mit der BR-Intendant Thomas Gruber sich schon seit Mitte der neunziger Jahre, als er noch Hörfunkdirektor war, immer mal wieder trug, nicht realisiert worden.

          Glühender Verfechter der Jugendwelle

          Obwohl sich der Hörfunkausschuß des BR Anfang Oktober explizit gegen die Option ausgesprochen hatte, Bayern 4 zugunsten der geplanten Jugendwelle von der UKW-Frequenz zu nehmen, wurde diese Möglichkeit kurz darauf in einer Sitzung des Rundfunkrats neu aus dem Hut gezaubert. In diesem Gremium soll sie Anfang Dezember noch einmal zum offiziellen Punkt gemacht werden. Das widerspricht durchaus den üblichen Gepflogenheiten, denen gemäß der Rundfunkrat Entscheidungen nur in Personalfragen fällt. So könnte man beinahe den Eindruck gewinnen, Hörfunkdirektor Grotzky, der ein glühender Verfechter der Jugendwelle ist, wolle die weitreichende Entscheidung zwar treffen, selber jedoch nicht dafür geradestehen, sondern sich statt dessen hinter der zu erwartenden Mehrheit im Rundfunkrat verschanzen.

          Grotzkys Stellungnahme im Gespräch mit der F.A.Z. fiel alarmierend vage aus. Zwar bat er darum, offiziell zu verkünden: „B4 wird weder im Produktions-, noch im Sendeumfang eingeschränkt“, äußerte sich jedoch nicht dazu, für wie lange er dieses Versprechen geben könne. Auch seine Beteuerung, „der Hörfunkdirektor wird der Empfehlung seines Programmausschusses folgen und ein Jugendangebot für den digitalen, multimedialen Bereich entwickeln“, geht mit keinem Wort auf die eigentlich spannende Frage ein, ob er denn dafür plädieren wird, Bayern 4 auf seiner UKW-Frequenz zu belassen.

          Kopflos scheint hier ein wenig durchdachtes vermeintliches Modernisierungsprogramm durchgezogen zu werden, das sich um Inhalte wenig, um werbeträchtige Schlagworte viel bekümmert. Die Fronten zwischen E- und U-Kultur werden zu diesem Zweck künstlich beschworen, wenn nicht gar neu errichtet. Danach, ob nicht auch Kinder und Jugendliche ein Recht darauf haben, an den unermeßlichen Erfahrungsschätzen der sogenannten „Klassik“ teilzuhaben, wird gar nicht erst gefragt. Wie groß das Bedürfnis danach bei den jüngsten aller Hörer tatsächlich ist, das beweist nicht zuletzt die immense Resonanz der „Kindertage“ im Sendeprogramm von Bayern 4.

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