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Radio: „Der einsamste DJ der Welt“ : Guten Heiligabend allerseits

  • -Aktualisiert am

An Heiligabend ist Mike Litt wieder „der einsamste DJ der Welt” Bild: Kai Nedden

Seit den neunziger Jahren geht Mike Litt an Heiligabend als „der einsamste DJ der Welt“ auf Sendung. Ohne dieses heilige Radioritual könnte Weihnachten für viele Hörer auch gleich ganz ausfallen.

          Am kommenden Donnerstagnachmittag, wenn die Leute in ihre Kirchen gehen, um zu schauen, ob alles noch so aussieht wie im letzten Jahr, packt in Bochum ein Radiomoderator seine Plattenkisten in den Wagen. Wenn bei den anderen Bescherung ist, ist er auf dem Weg ins Funkhaus nach Köln. Und wenn die anderen sich an die Familientafel setzen, bei Karpfen oder Würstchen oder was eben jeweils so üblich ist an diesem Abend, dann wird Mike Litt in sein Mikrofon seufzen, er sei „der einsamste DJ der Welt“. Dann, dann erst, hat das begonnen, was die Welt als den Heiligen Abend kennt - und das Sendegebiet des WDR als ein heiliges Radioritual.

          Irgendwas läuft ja immer, auch am Abend, und sogar an so einem, was nun wirklich nicht das ist, was man eine Primetime nennt, sondern eher einen undankbaren Job; und oft werden die Sendungen für diesen Abend deshalb einfach vorproduziert, denn auch Moderatoren haben ja Familie. Aber als Mitte der neunziger Jahre die Jugendwelle Eins Live auf Sendung ging, als Nachfolger von WDR1, dem zuletzt die Hörer weggeblieben waren, da ging es darum, alles ganz anders zu machen, so also auch dies. Der junge freie Mitarbeiter Mike Litt wurde damals kurzerhand zur Einsamkeit verdonnert. Dem passte das insofern, als er ohnehin gerade eine Trennung hinter sich hatte und dementsprechend sogar halbwegs authentisch in den Trailern herumjammern konnte, keiner wolle ihn, ganz alleine werde er Weihnachten im Studio hocken . . . Badewannen voller Selbstmitleid wurden da eingelassen. Und schon damals mussten praktisch die Türen des Funkhauses verbreitert werden, um die Berge an tröstenden Briefen hereinzutragen.

          Zur Einsamkeit verdammt

          Dreizehn Jahre später, Litt ist jetzt Anfang vierzig, läuft die Sendung immer noch so, und wenn jemand Trost bedürfte, dann am ehesten seine jetzige Freundin, die womöglich ja auch ganz gerne mal mit ihm Weihnachten feiern würde, aber das wäre für ungezählte Radiohörer so, wie wenn man Kindern erzählte, Weihnachten falle leider aus; das geht also nicht, Mike Litt ist gefälligst „der einsamste DJ der Welt“, der Erfolg verdammt ihn dazu.

          Dabei hat, wer Litt an einem der restlichen Tage des Jahres begegnet, keineswegs das Gefühl, dass Einsamkeit ernsthaft ein Problem für ihn sein könnte. Er moderiert normalerweise eine der geselligsten, großartigsten und verdienstvollsten Sendungen im gesamten Rundfunk, nämlich „Eins Live Klubbing“: Autoren lesen vor einem jungen Livepublikum und werden von Litt klug und trotzdem zielgruppengerecht dazu befragt, dazwischen gibt es DJ-Sets und Getränke; seit dieser Sendung gehört das Hören von Literatur zu den habituellen Vorbereitungen des Ausgehens wie woanders das Schminken oder das Vorglühen. Was stimmt, ist, dass Mike Litt auch DJ ist; was er macht, ist elektronische Tanzmusik, eine eher ernsthafte, kompakte, aber keineswegs übertrieben melancholische, House für Erwachsene könnte man sagen; und einsam ist er dabei eigentlich nur insofern, wie man halt einsam ist, wenn einem in einem Club auf Ibiza tausend Arme zuwinken.

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