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Aufruhr um „funk“-Video : Profilsuche für Anfänger

Aurel Mertz in seinem Video. Bild: funk/Screenshot

Der CDU in Sachsen-Anhalt missfällt ein Satire-Video der öffentlich-rechtlichen Plattform „funk“, in dem Polizisten als beschränkte Rassisten erscheinen. Der Schluss, den sie aus dem nicht wirklich witzigen Filmchen zieht, ist allerdings abwegig.

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          Die CDU in Sachsen-Anhalt hat ein neues Argument gefunden, die anstehende Erhöhung des Rundfunkbeitrags zu verhindern. Es lautet auf den Begriff „Racial Profiling“ und stammt von dem Comedian Aurel Mertz. Schon vor fünf Wochen hat er unter diesem Titel auf dem öffentlich-rechtlichen Portal „funk“ ein zweieinhalb Minuten langes Video eingestellt.

          Darin treten zwei Polizisten auf, die aus nächster Nähe einen jungen Mann (den Mertz selbst spielt) beobachten, der am Vorhängeschloss seines Fahrrads hantiert. Sie räsonieren darüber, ob es sich um einen Drogenhändler oder einen Fahrraddieb handelt. Weil seine Hautfarbe nicht ganz so hell ist wie ihre eigene, ziehen sie einen Farbfächer aus der Tasche, bestellen einen Hubschrauber, ein Scharfschütze bezieht Stellung und – drückt ab. Als die Beamten sich über den Leichnam beugen und feststellen, dass er weiße Socken und Badelatschen trägt, erkennen sie voller Gram, dass es sich um einen von „uns“ handelt.

          Das Video mit den rassistischen Volldeppen in Uniform ist wenig subtil und minder witzig. Es hätte aber wohl keine großen Kreise gezogen, hätte es nicht in den letzten Tagen Anlass gegeben, sich mit tatsächlichen Fällen von Polizeigewalt zu beschäftigen und hätte die „Bild“-Zeitung es nicht an die große Glocke gehängt.

          Eine Phalanx von Unionspolitikern tritt auf, um zu protestieren: der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul („Schlag ins Gesicht jedes Polizeibeamten“), sein Kollege aus Baden-Württemberg, Thomas Strobl („falsch und vollkommen daneben, die Polizei unter einen Generalverdacht zu stellen“), auch der Innenminister von Sachsen-Anhalt, Holger Stahlknecht, pflichtet bei („Ich distanziere mich entschieden von der Darstellung der Polizei als ausländerfeindlich und dümmlich“). Aurel Mertz indes will seinen Beitrag als die Debatte bereichernd verstanden wissen: „Es geht nicht darum die gesamte Polizei unter Generalverdacht zu stellen aber solange uns Bilder wie aktuell aus Frankfurt und Düsseldorf erreichen und Racial-Profiling-Studien abgesagt werden, müssen wir den Finger in die Wunde legen“.

          Das entspricht der üblichen Aufregungskurve, die von Twitterabhängigen Tag für Tag beschritten wird. Dafür halten Satirevideos her, aber auch solche von echten Polizeieinsätzen, die in ihrer aus dem Zusammenhang gerissenen Kürze oft nur scheinbar eindeutig sind. Jenseits der gesellschaftspolitischen Einordnung beziehen nun allerdings der Generalsekretär der CDU Sachsen-Anhalt, Sven Schulze, und der medienpolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Markus Kurze, Position, wenn sie meinen, ein Video wie dieses sei Anlass genug, die Erhöhung des Rundfunkbeitrags zu verhindern.

          „Dieses Video“, schreibt Schulze (auf Twitter), „finanziert mit Gebührengeldern von #ARD& #ZDF, ist ein Schlag ins Gesicht aller #Polizisten in #Deutschland. Nicht nur deshalb ist es richtig, dass die geplante Erhöhung des #Rundfunkbeitrags nicht kommen wird. Die #CDU in #SachsenAnhalt wird das verhindern“. Es mag gute Gründe geben, den Öffentlich-Rechtlichen nicht noch mehr als acht Milliarden Euro pro Jahr zu geben; ein Satire-Video, für wie misslungen man es halten mag, ist kein Grund. „Die Herren“, sagte der Bundesvorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands, Frank Überall, „sollten sich schleunigst mit der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts vertraut machen, das strikt untersagt hat, den Rundfunkbeitrag an inhaltliche Aspekte des Programms zu koppeln.“ Recht hat er.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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