https://www.faz.net/-gqz-12k4s

Qualitätsjournalismus : In der Grotte der Erinnerung

  • -Aktualisiert am

Nicht nur Lesevergnügen, sondern vor allem Orientierung in einer komplexen Lebenswelt ist das, was der Journalismus leisten muss Bild: dpa

Das Internet hat dem Journalismus einen bunten Strauß an publizistischen Aktivitäten an die Seite gestellt, bei dem Amateure zu Autoren werden. Umso dringender braucht unsere Gesellschaft hochwertige Berichterstattung und Recherche. Denn wie kommt ohne sie das Neue in die Welt? Gar nicht.

          Stellen Sie sich vor, Sie säßen an einem sonnigen Sonntagmorgen in einem Sessel, Tee oder Kaffee auf dem Tischchen neben sich, und läsen eine Zeitung. Das ist es, was ich als Außenbeobachter sehen könnte, wenn ich Sie bei dieser Tätigkeit betrachtete: einen glücklichen Menschen, eins in Geist und Körper, in entspannter Haltung der Lektüre und dem Nachdenken darüber gewidmet. Und stellen Sie sich dann vor, dass dieses Bild täuscht. Dass es nur entstanden ist durch eine komplexe computerbasierte Reizgeneration und -verarbeitung meines Gehirns.

          Das Leseerlebnis und seine Beobachtung ist nicht mehr als das Ergebnis zweier Gehirne, gelagert in einer Nährstofflösung und verbunden durch Drähte, die Neuronen mit einem Computer verschalten. Der simuliert durch seine Impulsgenerierung eine virtuelle Erlebnis- und Erfahrungswelt, die dem Gehirn vorgaukelt, es befinde sich noch immer im Kopf eines Menschen und dieser Mensch sei einer von vielen auf der Welt, die auch alle ein eigenes Gehirn hätten. Nichts davon träfe zu. Es gäbe keine Welt. Es gäbe nur eine softwarebasierte komplexe Generierung von elektrischen Impulsen. Eine virtuelle Welt eben.

          Orientierung in einer komplexen Lebenswelt

          In diesem Gedankenexperiment vom „Gehirn im Tank“, das seit Jahrzehnten immer wieder Kunst, Literatur und Wissenschaft beschäftigt mit der Frage, wie Bewusstsein, Wissen und Welterfahrung eigentlich zusammenhängen, steckt ein überaus aktueller Bezug: Wie nehmen wir Informationen auf, woher kommen sie, und welches Weltbild entsteht dabei? Bei dieser Frage deutet sich ein Paradigmenwechsel an.

          Bislang ist es der Journalismus, der die Menschen mit Neuigkeiten aus der Welt versorgt, sie durch gut recherchierte und erzählte Geschichten interessiert und fasziniert. Das bringt zum Beispiel nicht nur dem Leser einer Tageszeitung oft ein Lesevergnügen, es sorgt auch für die soziale Synchronisation unserer Gesellschaft. Journalisten beobachten die Welt mit der Aufgabe und Zielsetzung, das Ergebnis ihrer Beobachtung professionell aufzubereiten und es als Nachricht, Bericht oder Reportage wieder in die Gesellschaft einzuspeisen. Diese Informationen machen es möglich, uns in einer komplexen Lebenswelt zu orientieren, uns der eigenen Zugehörigkeit zu dieser Welt zu vergewissern, indem wir uns aus einem Informations- und Themenfundus bedienen, der diese Komplexität reduziert und Momente der gesellschaftlichen Verständigung generiert.

          Wie lässt sich das finanzieren?

          Die Aufgabe bleibt, aber sie steht inzwischen unter anderen Vorzeichen. Das Internet hat dem professionellen Qualitätsjournalismus einen bunten Strauß an publizistischen Aktivitäten an die Seite gestellt, bei dem Amateure zu Autoren werden, die eine subjektive, volatile und momentorientierte Berichterstattung praktizieren. Das ist zunächst eine Ergänzung, die eine spannende Herausforderung bekannter Öffentlichkeitskonzepte bedeuten und die Herstellung von Inhalten demokratisieren kann. Doch sie hat Konsequenzen: Wie lässt sich ein professionell angelegter Qualitätsjournalismus noch finanzieren, wenn Informationen im Netz zur Commodity werden und kostenlos zu haben sind?

          Die Internetunternehmerin Ariana Huffington hat ihre Antwort auf diese Frage vor einigen Tage bei der Anhörung des amerikanischen Senats zur Zukunft der Zeitung gegeben: Die Zukunft liegt nicht im Qualitätsjournalismus, der durch ein Mediensystem getragen ist. Sie liegt in einer Kombination aus Bürgerjournalismus und stiftungsfinanzierten Investigativfonds. Den Journalisten und Zeitungsmachern ruft Huffington zu: „If you can't find your way to that, then you can't find your way.“

          Inhaltlich eine wüste Ödnis

          Denken wir das einmal zu Ende: In der Medienzukunft gibt es keinen traditionellen Journalismus mehr. Stattdessen berichten Bürger für Bürger, indem sie ihre Lebenserfahrung und die Beobachtungen ihrer Lebenswelt im Netz veröffentlichen. Und wenn nicht eine Stiftung sich bereit erklärt, für Recherche zu bezahlen, dann beruht diese Bürgerberichterstattung auf nichts anderem als der permanenten Reproduktion und Neukombination von vorhandenen Informationen, wie sie im Netz längst üblich ist.

          Weitere Themen

          „Ich hatte viel Bekümmernis“ Video-Seite öffnen

          Gaechinger Cantorey : „Ich hatte viel Bekümmernis“

          Die Gaechinger Cantorey führt bei ihrer Bach-Pilgerreise in der Stadtkirche zu Weimar mit dem Schlusschor die Kantate „Ich hatte viel Bekümmernis“ BWV 21 von Johann Sebastian Bach auf.

          Topmeldungen

          Spaniens amtierender Ministerpräsident Pedro Sanchez nach dem Treffen mit König Felipe

          Regierungsbildung gescheitert : Stillstand in Spanien

          Pedro Sánchez hat keine Mehrheit im Parlament. Zum zweiten Mal in diesem Jahr wird im November ein neues Parlament gewählt. Doch die politische Blockade könnte andauern.
          Demnächst möglicherweise seltener zu sehen: „Zu vermieten“-Schild an einem Haus in Berlin-Schöneberg.

          F.A.Z. exklusiv : Mietendeckel schadet den Mietern

          Der Mietendeckel in Berlin soll das Wohnen bezahlbar halten. Doch die Studie eines renommierten Forschungsinstituts zeigt jetzt: Tatsächlich könnte er genau das Gegenteil bewirken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.