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Qualitätsfernsehen im Internet : Gebt uns, was wir wollen!

Erfolgreicher noch als „House of Cards“: In der Netflix-Serie „Orange is the New Black“ von Jenji Kohan (r.) spielen Natasha Lyonne (l.), Jason Biggs und Taylor Schilling Bild: AP

Der amerikanische Streamingdienst Netflix beweist, dass erfolgreiches Fernsehen nicht im Mittelmaß enden muss. Wenn ARD und ZDF das nicht begreifen, ist das bald ihr Problem.

          Ende August hielt Kevin Spacey, der Hauptdarsteller der Serie „House of Cards“, eine Rede auf dem Edinburgh Television Festival, und vielleicht sollten seine Freunde vom Video-Streamingdienst Netflix langsam darüber nachdenken, sie in ihr Programm aufzunehmen: Über 1,3 Millionen Mal wurde der Vortrag mittlerweile auf Youtube angeschaut, seit Wochen redet die Fernsehbranche darüber. Spacey sprach über den Erfolg von „House of Cards“ und über das neue Modell, die Serie an die Zuschauer zu bringen. Netflix hatte Anfang Februar alle 13 Folgen der ersten Staffel gleichzeitig ins Netz gestellt und damit all jenen Fernsehmachern den Mittelfinger entgegengestreckt, die mit wissenschaftlicher Akribie daran arbeiten, die vermeintlichen Naturgesetze wöchentlicher Programmschemata herauszufinden. Netflix, erklärte Spacey, habe „die Lektion gelernt, die die Musikindustrie nicht gelernt hatte: den Leuten, das zu geben, was sie wollen, wann sie es wollen, in der Form, in der sie es wollen und zu einem vernünftigen Preis.“ „Das Publikum“, so Spacey“, „will die Kontrolle.“

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es war ein Weckruf, und wer ihn nicht hörte, der schläft vermutlich auch zu fest, um die Zahlen zur Kenntnis zu nehmen, die Netflix Ende Oktober vorlegte: 30 Millionen Abonnenten hat der Dienst jetzt in den Vereinigten Staaten, damit hat er den Pay-TV-Sender HBO überholt; 40 Millionen Abonnenten sind es weltweit. Und obwohl der Großteil der fünf Milliarden Stunden Programm noch aus Filmen besteht (und Netflix kürzlich auch eigenproduzierte Spielfilme angekündigt hat), muss eher das Fernsehen als das Kino die neue Konkurrenz fürchten. „Jeder hält Netflix immer für einen Teil dieser digitalen Revolution“, sagte Netflix-Programmchef Ted Sarandos kürzlich in einer kaum weniger beachteten Rede. „Es gibt all diese komplizierten und exotischen Beschreibungen dessen, was wir machen.“ Es sei aber ganz einfach: „Was wir machen, ist Fernsehen.“

          In Deutschland hat man den Trend verschlafen

          Um die Ambitionen zu unterstreichen, vor allem aber um Abonnenten hinzuzugewinnen, produziert Netflix mittlerweile eine Reihe hochklassiger (und auch ein paar mittelmäßige) Serien. „House of Cards“ war der Anfang, 100 Millionen Dollar soll das Unternehmen für zwei Staffeln ausgegeben haben, gespart hat man nur an der Pilotfolge. Stattdessen verließ man sich ganz auf die Daten der Abonnenten und auf die Algorithmen, die versprachen, dass nicht viel schiefgehen könne, wenn man die Talente von Regisseur David Fincher und Kevin Spacey addiert. Noch erfolgreicher läuft derzeit die Frauengefängnisserie „Orange Is the New Black“, behauptet Netflix, auch wenn das Unternehmen keine genauen Zuschauerzahlen herausgibt. 2014 soll die Zahl der Eigenproduktionen verdoppelt werden.

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          In 40 Ländern gibt es Netflix mittlerweile, und dass immer mehr Menschen den Tag herbeisehnen, an dem auch Deutschland auf der Liste steht, das liegt auch daran, dass sich die Marktlücke, die ein solches Angebot schließen würde, so groß anfühlt wie der Unterschied zwischen Heroin und Methadon. Jede neue amerikanische (und mittlerweile auch die ein oder andere französische und skandinavische) Serie stellt die Frage, warum das deutsche Fernsehen nicht auch ein wenig Glanz beitragen kann zu jener Epoche, die viele als das goldene Zeitalter des Fernsehens bezeichnen. Die privaten Sender scheuen das Risiko, den öffentlich-rechtlichen fehlt jede Ambition, und deshalb bleibt fast nur die Hoffnung darauf, dass ein dritter Spieler kommt, der die Architektur des deutschen Betonfernsehens ins Wanken bringt.

          Die Quote macht das Fernsehen kaputt

          Dabei hört sich die Devise von Netflix zunächst gar nicht einmal wie ein Versprechen an. „Gebt den Zuschauern, was sie wollen“: Das könnte auch eine der Floskeln sein, mit der die Verantwortlichen von ARD und ZDF ihre Massenware rechtfertigen. Dass bei Netflix am Ende ein intelligenter Politthriller herauskommt und kein Beruhigungsfernsehen aus irgendeinem Pfarrhaus, das liegt nicht daran, dass das Unternehmen die Präferenzen seiner Zuschauer mit raffinierteren Methoden ermittelt. Sondern daran, dass es seinen Erfolg nicht mit einem bizarren Kriterium wie der Quote misst. Das deutsche Fernsehen nämlich will gar nicht wissen, was all jene wollen, die man überhaupt erst zum Einschalten bewegen müsste; es interessiert sich nicht für die Bedürfnisse der Mehrheit seiner Zwangsabonnenten.

          Intelligent, unterhaltsam und erfolgreich: Oscarpreisträger Kevin Spacey als Francis „Frank“ Underwood in der Netflix-Serie „House of Cards“

          Wenn zehn Millionen Zuschauer am Sonntag „Tatort“ schauen, dann ist das ein Publikum, von dem auch die erfolgreichsten der gelobten amerikanischen Serien nur träumen können. Aber es heißt eben auch, dass sich über 50 Millionen Beitragszahler nicht einmal für den „Tatort“ interessieren. Es ist die Krux des Quotendenkens, dass es die Standards jeder Sendung am Durchschnittsgeschmack jener misst, die eben zuschauen, an einem immer älter und dank jahrzehntelanger Konditionierung auch nicht unbedingt neugieriger werdenden Publikum - und nicht an jener Mehrheit, die sich längst von ARD und ZDF verabschiedet hat (und trotzdem weiterzahlt). Es wäre langsam an der Zeit, dass die öffentlich-rechtlichen Programmmacher jenes enorme Desinteresse als Kritik verstehen.

          Für ARD und ZDF wird es schwer, die verlorenen Zuschauer zurückzugewinnen

          Einem Dienst wie Netflix dagegen kann es völlig egal sein, wie viele Millionen Zuschauer lieber Castingshows oder Daily Soaps gucken; das Schlechtere ist nicht der Feind des Guten. Es geht nicht um Marktführerschaft, sondern um die Diversifikation des Angebots. In dieser Woche schloss der Dienst einen Vertrag mit dem Comicverlag Marvel über vier Miniserien mit den Superhelden „Daredevil,“ „Jessica Jones,“ „Iron Fist“ und „Luke Cage“ ab. Dass es sich dabei eher um ein Nischenprogramm handelt, spricht nicht gegen den Deal. So bringt ein durch und durch kommerzielles Geschäftsmodell genau jene Vielfalt und Qualität hervor, für die das Subventionsfernsehen einmal erfunden wurde.

          Dass das öffentlich-rechtliche System lieber das Mittelmaß verteidigt, als einen Teil seiner acht Milliarden Euro in eine zeitgemäße deutsche Serie zu investieren, ist nicht nur ein Skandal, der der Veruntreuung öffentlicher Gelder gleichkommt; es spricht auch für eine Ignoranz, die bald vor allem das Problem der Sender selbst ist. Die Zuschauer haben längst gelernt, die Defizite anderswo zu befriedigen: Ein paar besonders süchtige Serienjunkies werden noch immer in die Illegalität getrieben, weil sie nicht rechtzeitig an ihren Stoff kommen. Aber das Angebot wird besser. Wer es sich leisten kann, findet die meisten aktuellen Serien mittlerweile auf iTunes, im Pay-TV oder auf dem Digitalkanal Pro 7 Maxx.

          Die Zuschauer, die die Sender jetzt schon verloren haben, werden sie nicht durch unterfinanzierte Spartenprogramme wiedergewinnen. Eine ganze Fernsehgeneration wächst schon heute ohne ARD und ZDF auf - was eben nicht bedeutet, dass sie sich nicht fürs Fernsehen interessieren. Wie sehr sie eine deutsche Serie vermissen, ein Programm, das ihre Sprache spricht, das wissen diese Leute vielleicht selbst noch nicht. So offensichtlich diese Lücke ist: Es scheint, dass erst die Algorithmen sie errechnen müssen, damit sie auch in Deutschland endlich geschlossen wird.

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