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Qualitätsfernsehen im Internet : Gebt uns, was wir wollen!

Die Quote macht das Fernsehen kaputt

Dabei hört sich die Devise von Netflix zunächst gar nicht einmal wie ein Versprechen an. „Gebt den Zuschauern, was sie wollen“: Das könnte auch eine der Floskeln sein, mit der die Verantwortlichen von ARD und ZDF ihre Massenware rechtfertigen. Dass bei Netflix am Ende ein intelligenter Politthriller herauskommt und kein Beruhigungsfernsehen aus irgendeinem Pfarrhaus, das liegt nicht daran, dass das Unternehmen die Präferenzen seiner Zuschauer mit raffinierteren Methoden ermittelt. Sondern daran, dass es seinen Erfolg nicht mit einem bizarren Kriterium wie der Quote misst. Das deutsche Fernsehen nämlich will gar nicht wissen, was all jene wollen, die man überhaupt erst zum Einschalten bewegen müsste; es interessiert sich nicht für die Bedürfnisse der Mehrheit seiner Zwangsabonnenten.

Intelligent, unterhaltsam und erfolgreich: Oscarpreisträger Kevin Spacey als Francis „Frank“ Underwood in der Netflix-Serie „House of Cards“

Wenn zehn Millionen Zuschauer am Sonntag „Tatort“ schauen, dann ist das ein Publikum, von dem auch die erfolgreichsten der gelobten amerikanischen Serien nur träumen können. Aber es heißt eben auch, dass sich über 50 Millionen Beitragszahler nicht einmal für den „Tatort“ interessieren. Es ist die Krux des Quotendenkens, dass es die Standards jeder Sendung am Durchschnittsgeschmack jener misst, die eben zuschauen, an einem immer älter und dank jahrzehntelanger Konditionierung auch nicht unbedingt neugieriger werdenden Publikum - und nicht an jener Mehrheit, die sich längst von ARD und ZDF verabschiedet hat (und trotzdem weiterzahlt). Es wäre langsam an der Zeit, dass die öffentlich-rechtlichen Programmmacher jenes enorme Desinteresse als Kritik verstehen.

Für ARD und ZDF wird es schwer, die verlorenen Zuschauer zurückzugewinnen

Einem Dienst wie Netflix dagegen kann es völlig egal sein, wie viele Millionen Zuschauer lieber Castingshows oder Daily Soaps gucken; das Schlechtere ist nicht der Feind des Guten. Es geht nicht um Marktführerschaft, sondern um die Diversifikation des Angebots. In dieser Woche schloss der Dienst einen Vertrag mit dem Comicverlag Marvel über vier Miniserien mit den Superhelden „Daredevil,“ „Jessica Jones,“ „Iron Fist“ und „Luke Cage“ ab. Dass es sich dabei eher um ein Nischenprogramm handelt, spricht nicht gegen den Deal. So bringt ein durch und durch kommerzielles Geschäftsmodell genau jene Vielfalt und Qualität hervor, für die das Subventionsfernsehen einmal erfunden wurde.

Dass das öffentlich-rechtliche System lieber das Mittelmaß verteidigt, als einen Teil seiner acht Milliarden Euro in eine zeitgemäße deutsche Serie zu investieren, ist nicht nur ein Skandal, der der Veruntreuung öffentlicher Gelder gleichkommt; es spricht auch für eine Ignoranz, die bald vor allem das Problem der Sender selbst ist. Die Zuschauer haben längst gelernt, die Defizite anderswo zu befriedigen: Ein paar besonders süchtige Serienjunkies werden noch immer in die Illegalität getrieben, weil sie nicht rechtzeitig an ihren Stoff kommen. Aber das Angebot wird besser. Wer es sich leisten kann, findet die meisten aktuellen Serien mittlerweile auf iTunes, im Pay-TV oder auf dem Digitalkanal Pro 7 Maxx.

Die Zuschauer, die die Sender jetzt schon verloren haben, werden sie nicht durch unterfinanzierte Spartenprogramme wiedergewinnen. Eine ganze Fernsehgeneration wächst schon heute ohne ARD und ZDF auf - was eben nicht bedeutet, dass sie sich nicht fürs Fernsehen interessieren. Wie sehr sie eine deutsche Serie vermissen, ein Programm, das ihre Sprache spricht, das wissen diese Leute vielleicht selbst noch nicht. So offensichtlich diese Lücke ist: Es scheint, dass erst die Algorithmen sie errechnen müssen, damit sie auch in Deutschland endlich geschlossen wird.

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