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Protokoll einer Zerrüttung : Schönen Dank auch, Uri Geller!

Uri Geller ist zurück Bild: Robert Wenkemann

Zugegeben: Ich habe diese Uhr gemocht. Uri Geller war mir egal. Und ich habe meine Schwiegermutter belächelt. Bis sie ihrer Tochter vorschlug, das kaputte Ding dienstagabends vor den Fernseher zu legen. Das Protokoll einer Zerrüttung.

          Ehrlich: Ich verdanke meiner Schwiegermutter viel, zum Beispiel meine Armbanduhr. Und ich verzeihe ihr viel. Zum Beispiel, wenn sie immer noch mit strahlenden Augen erzählt, wie ein israelischer Magier in den Siebzigern mal vom Fernseher aus Deutschlands Uhren reparierte. Auch die Küchenuhr meiner Schwiegermutter. „Ganz ehrlich“, sagt sie. „Natürlich“, sage ich. Sie muss es ja wissen: Ihr Leben lang hat sie Uhren verkauft.

          Robert Wenkemann

          Verantwortlicher Redakteur für Multimedia und Art Director bei FAZ.NET.

          Als meine Armbanduhr dann nicht mehr wollte, hat sie die neue Batterie eingesetzt. Hat ihr gut zugeredet. Hat sie mit ins Geschäft genommen. Doch auch dort war das gute Stück nicht zu bewegen. Seitdem liegt sie in der Schublade. Jetzt ist der unvergessene Uri Geller wieder da, dienstagabends auf Pro Sieben. Und meiner Schwiegermutter ist die gute alte Armbanduhr wieder eingefallen.

          Dienstagabend, 20.10 Uhr Meine Frau telefoniert. Dann ruft sie aus dem Wohnzimmer, wo eigentlich die alte Uhr ist. Wo soll sie schon sein.

          20.15 Uhr Wühlgeräusche aus dem Wohnzimmer, eine Schublade wird auf- und zugeschoben.

          In den Siebzigern hauchte er deutschen Uhren wieder Leben ein - vom Fernseher aus

          20.25 Uhr Meine Frau ruft mich ins Wohnzimmer. Der Fernseher läuft, davor hat meine Frau den weißen Hocker gestellt. Darauf ein bis zum Eichstrich gefülltes Cocktailglas. Oben am Glasrand eingehängt und unten mit dem Glas beschwert, ist meine Armbanduhr eingespannt. Das Uhrglas reflektiert mit 40 Zentimeter Entfernung die Bühne von Uri Geller.

          20.27 Uhr Meine Frau versichert, nichts an der Uhr verstellt zu haben. Sie habe zu Beginn der Sendung die aktuelle Zeit eingestellt. Sonst nichts. Ich bleibe sicherheitshalber im Wohnzimmer, rühre nichts an. Die Zeit verstreicht. Die Sendung läuft. Die Uhr läuft auch. Sie tickt sogar.

          22.15 Uhr Die Show ist vorbei. Ich binde die Uhr ums linke Handgelenk. Was meine Schwiegermutter dazu sagen würde? Meine Frau grinst über beide Backen.

          22.17 Uhr Ich ziehe sicherheitshalber den Stecker des Fernsehers. Glimmt er länger nach als sonst?

          22.58 Uhr Sicherheitshalber lege ich eine zweite Armbanduhr um den rechten Arm. Beide Uhren laufen synchron. Mein Blutdruck steigt. Ich lockere lieber das Armband.

          0.12 Uhr Schlafenszeit. Ich gehe mit zwei Armbanduhren ins Bett. Nur zur Sicherheit. Der Wecker ist gestellt, die drei Uhren laufen synchron. Ich bin überhaupt nicht müde. Meine Frau schläft längst.

          2.46 Uhr Kalter Wind zieht durchs Schlafzimmerfenster. Die Katzen sind irgendwie unruhiger als sonst. Die drei Uhren laufen synchron. Die Uhr im Bad hinkt drei Minuten hinterher, aber das tut sie immer. Ich schließe die Fenster. Hat meine Frau im Schlaf gezuckt?

          3.51 Uhr Schweiß gebadet aufgewacht, von meiner Schwiegermutter geträumt. Blicke reflexartig auf alle zur Verfügung stehenden Ziffernblätter, die alte Uhr läuft immer noch. Sie tickt lauter als sonst. Jedenfalls viel lauter als alle anderen Uhren. Höre ein Knacken von der Zimmerdecke, kurz darauf ein weiteres Knacken und dann noch eins. Identischer Zeitabstand!

          4.03 Uhr Mein Arm ist taub, der mit der alten Uhr. Hatte sie unter dem Kopfkissen begraben, damit ich sie nicht ticken höre. Während ich mit der rechten Hand versuche, dem linken Arm wieder Leben einzukneten, wird meine Frau wach und schaut mich verschlafen an. Ob eigentlich die Kellertür abgeschlossen sei? Natürlich nicht. Treppab stolpere ich über die Katzen. Aus dem Wohnzimmer kommt ein kaum merkliches Glimmen. Greife den Hockeyschläger meines Sohnes. Die Kellertür ist schon zu. Die Katzen schauen mich traurig an. Lasse sie raus. Schließe wieder ab, doppelt. Den Hockeyschläger nehme ich mit zum Bett, sicherheitshalber. Meine Frau schläft längst wieder.

          7.05 Uhr Der Wecker reißt mich aus dem Schlaf. Jetzt liegen beide Unterarme unter dem Kopfkissen, blutleer, vollkommen taub und unbeweglich. Meine Frau versorgt unten die Kinder. Ich komme nicht hoch. Das Wecksignal wird immer lauter. Niemand hört mein Rufen. Ich schaffe es, mich auf die Seite zu drehen. „Aufstehen“, ruft meine Frau von unten. Aus der Seitenlage schaffe ich, mich aufzurichten. Der linke Arm schlackert nach vorn, die leblose Hand fällt mir in den Schoß. Die Uhrzeit stimmt. Mit einem gezielten Kopfstoß bringe ich den Wecker zum Schweigen. Schleppe mich ins Bad. Ein graues Gegenüber sieht mich an.

          7.20 Uhr Rette mich ins Büro. Sicherheitshalber ohne Armbanduhr.

          16.44 Uhr Zu Hause angerufen. Besetzt. Versuche es sicherheitshalber auf dem Handy. „Gerade haben wir von dir gesprochen“, sagt meine Frau. Ja, die Uhr ticke noch. Ja, sie telefoniere gerade auf der anderen Leitung. Mutter lässt schön grüßen.

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