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Proteste gegen „Tatort“ : Ein deutscher Karikaturenstreit?

Die Alevitische Gemeinde Deutschland kritisierte die „zentrale Aussage des Films” Bild: NDR/Christine Schroeder

Die Alevitische Gemeinde Deutschland protestiert gegen einen „Tatort“ des NDR. Der Regisseurin wird Volksverhetzung vorgeworfen. Am Donnerstag gab es eine Demonstration in Berlin, am Samstag soll es in Köln zu einer weiteren Demonstration kommen.

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          Von den Aleviten werden viele bislang nichts gehört haben, dabei leben sie mitten unter uns. Sie stellen eine große Gruppe unter den türkischen Einwanderern in Deutschland und unter den Muslimen dar. Aufgefallen sind sie bislang weniger, weil ihre Glaubensauffassung mit unserem Grundverständnis des säkularen Staates und einer offenen, liberalen Gesellschaft viel eher korrespondiert als jene fundamentalistischen Richtungen des Islams, welche die Religion nicht vom Staat trennen und anstelle des Grundgesetzes der Scharia folgen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Seit vergangenem Sonntag aber machen die Aleviten auf sich aufmerksam, und zwar massiv. Sie werfen dem NDR vor, mit der „Tatort“-Episode „Wem Ehre gebührt“ Volksverhetzung zu betreiben. So lautet die Strafanzeige. Am Donnerstag gab es eine Demonstration vor dem ARD-Hauptstadtstdio in Berlin, am Samstag soll es in Köln eine Demonstration geben. Der „Tatort“, so der Vorwurf, leiste dem jahrhundertealten Vorurteil Vorschub, mit welchen die Sunniten die Aleviten brandmarkten. Es lautet: Die Aleviten hätten aufgrund ihres gleichberechtigten Verständnisses der Rolle von Frau und Mann eine unislamische, laxe Sexualmoral und betrieben Inzest.

          Zwei Gemeinden haben Anzeige erstattet

          Seit Samstag gingen beim NDR Protestanrufe und Faxe ein - 1750 an der Zahl. Vergeblich hatten die Aleviten die Ausstrahlung des Films zu verhindern gesucht. Noch über Weihnachten wurden sie juristisch aktiv, zwei Gemeinden haben inzwischen Anzeige erstattet.

          Der Islam ist nicht das Motiv der Tat: Die Regisseurin Angelina Maccarone

          Der Generalsekretär der Alevitischen Gemeinde Deutschland, Ali Ertan Toprak, sagt im Gespräch mit dieser Zeitung, dass dies keine gesteuerte Kampage, sondern Ausdruck des Entsetzens sei, das viele Aleviten in Deutschland erfasst habe. „Es hat uns entsetzt, dass ausgerechnet ein öffentlich-rechtlicher Sender jahrhundertealte Vorurteile aufgreift und bedient“, sagte er.

          „Die ARD hat sich instrumentalisieren lassen“

          „Die ARD hat sich von islamischen Fundamentalisten instrumentalisieren lassen und Schleichwerbung für den Fundamentalismus gemacht. Der Inzest-Vorwurf ist eine Waffe der Islamisten“, sagt Toprak. „Dass muss die deutsche Öffentlichkeit verstehen.“ Es sei „zum Heulen“, dass sich ausgerechnet die Aleviten in die Lage versetzt sähen, protestieren zu müssen, da sie seit jeher diejenigen seien, die für Freiheitrechte einstünden. Auch stehe es ihnen nicht an zu kritisieren, dass in einem Krimi ein Alevit der Täter sei - „wir sagen nicht, wir seien bessere Menschen“ -, doch handelten die Macher des „Tatorts“ grob fahrlässig, wenn sie außer acht ließen, dass gerade der Vorwurf des Inzests ein politisches Kampfinstrument sei, zumal sich in dem Film die bedrängte Tochter unter den Schleier flüchte.

          „Das ist der Punkt, der uns aufbringt“, sagt Toprak, „dass sich das Opfer verschleiert und sich von der liberalen Religionsausübung verabschiedet. Das Kopftuch als Befreiung der Frau auszugeben“, das sei eine fatale Botschaft. Und von daher verletze der Film die Würde des Menschen und sei die harte Reaktion der Aleviten angebracht. Man wehre sich mit den in der demokratischen Gesellschaft zur Verfügung stehenden Mitteln.

          Der Film zieht Verbindungslinien über Religionsgrenzen hinweg

          Vor dem historischen Hintergrund ist die Aufregung verständlich, angesichts des Films und seiner Intention weniger. Denn dieser „Tatort“ entwickelte eine leise Geschichte, die zwischen den Figuren Verbindungslinien zieht über Religionsgrenzen hinweg. So entsteht zwischen der Kommissarin Lindholm (Maria Furtwängler), die sich aufgrund ihrer Schwangerschaft beruflich ins Abseits befördert sieht, und dem jungen Mädchen, das von seinem Vater vergewaltigt und schwanger geworden ist, ein Vertrauensverhältnis von Frau zu Frau, von werdender Mutter zu werdender Mutter.

          Zugleich erlebt der Schauspieler Mehmet Kurtulus in der Rolle des Kommissars Cem Aslan seine Feuertaufe - wir sehen ihn künftig regelmäßig als Ermittler des NDR. Er ist selbst Gefangener seiner Vorurteile, ein türkischer Macho, doch verhalten sich die deutschen männlichen Kollegen der Kommissarin gegenüber nicht minder herablassend. Die wiederum leidet tatsächlich an dem „Einzelkämpfersyndrom“, das ihr Aslan attestiert. Der wiederum ist selbst Alevit, genauso wie der Täter, der Vater, der eine Tochter schwängert und die andere tötet.

          Für Aleviten ist die Scharia kein Thema

          Die Geschichte ist nicht eindimensional, jede Figur hat ihren doppelten Boden. Wenn man dem Film einen Vorwurf machen kann, dann den, dass er naiv vorgeht, die Fallstricke der muslimischen Geschichte nicht kennt und sämtliche Klischees mit einem Mal abräumen will. Wer mit diesem Film aber den Vorwurf der Volksverhetzung verbindet, wird dem Film nicht gerecht.

          Dass dies von den Aleviten ausgeht, die durch ihre Lebensweise Nichtmuslimen zeigen, welche Bandbreite der Islam aufweist, ist die eigentliche Tragödie. Für die Aleviten ist die Scharia kein Thema. Ihr Glaube setzt beim Individuum an und also bei Frauen und Männern, die gemeinsam an religiösen Versammlungen teilhaben, die auch nicht in Moscheen stattfinden, sondern in „Cem“ genannten Begegnungsstätten.

          Eine Strafanzeige ist kein Angebot zum Dialog

          Das könnte einem wie ein ferner innerislamischer Kulturkampf erscheinen, der „Tatort“ der Autorin Angelina Maccarone jedoch macht deutlich, wie nahe uns das Thema ist (siehe auch „Tatort“-Regisseurin Maccarone im Interview ). Dass daraus kein Karikaturenstreit wird, wie ihn Dänemark erlebt hat, liegt in den Händen der Aleviten. Einen Dialog gestaltet man schwerlich, indem man Anzeigen wegen Volksverhetzung erstattet und symbolisch Kränze vor dem Sender ablegt.

          Der NDR teilt mit, dass man „vor dem Hintergrund anhaltender Proteste“ sein Gesprächsangebot an die Alevitische Gemeinde Deutschland grundsätzlich bekräftige. Allerdings habe die Strafanzeige wegen Volksverhetzung eine neue rechtliche Lage geschaffen, die vor einem solchen Treffen juristisch geklärt werden müsse.

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