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Proteste gegen RBB Kultur : Zuhören statt Durchhören

  • -Aktualisiert am

Bringt seine Stammhörerschaft gegen sich auf: RBB Kultur. Bild: dpa

Der große Unmut in der Stammhörerschaft von RBB Kultur gegen die Reform des Hörfunkprogramms wird nun von einer Umfrage des Landesmusikrates Berlin untermauert. Wenn es so weitergeht, schafft das Kulturradio sich selbst ab.

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          Was von Umfragen zu halten ist, wird im Vorwahlkampf gerade heiß diskutiert: Muss man sie ernst nehmen, um sich die nackte Macht zu erhalten, oder kommt es eher auf Stehvermögen und Charakterstärke an? Wenn es um die Zukunft der Kulturprogramme beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk geht, sieht es genau so aus. Der WDR hatte sich im Sommer 2019 unter 1011 „deutschsprachigen, klassikaffinen Personen ab 14 in Privathaushalten mit Internetanschluss in NRW“ umgehört, wie denn ihr Musikgeschmack so sei. Im Ergebnis wurden Genres wie Chormusik und Kunstlieder aus dem Frühprogramm verbannt und durch Neoklassik und Filmmusik ersetzt. Ein genauerer Blick auf die Studie bewies dann, dass die Befragten so klassikaffin gar nicht waren, sondern überwiegend andere Programme als WDR 3 hörten, weshalb der Vorwurf des Online-Magazins „VAN“, hier habe eine „soziale Erwünschtheit“ die Ergebnisse vordiktiert, unwiderlegt im Raum steht. Die Studie selbst ist gezielt populistisch gegen das traditionelle Bildungsbürgertum und klassische Kulturinhalte ausgerichtet.

          Die Sendeleitung des RBB hat unterdessen das Programmprofil geändert, ohne sich auf Umfragen zu berufen. Das Ergebnis ist ähnlich. Nur sind die Reaktionen der Hörer so heftig, dass die Programmchefin von RBB Kultur, Verena Keysers, fortlaufend den Zorn der Stammhörerschaft beschwichtigen muss. Die Mitglieder des Landesmusikrats Berlin drängten deshalb ihre Leitung dazu, eine eigene Umfrage zur Programmreform durchzuführen, deren Ergebnisse jetzt vorliegen. Im Gegensatz zur WDR-Umfrage handelt es sich um gut 1500 Teilnehmer, die zu 76,7 Prozent tatsächlich Hörer von RBB Kultur sind. Das Ergebnis ist schlagend: 64 Prozent der Befragten bewerten das Ergebnis der Reform als Verschlechterung, nur 9,5 Prozent können darin eine Verbesserung erkennen. Besonders wichtig waren für 93 Prozent fundierte Fachkenntnisse der Moderatoren statt ranschmeißerischer Plauderei; 83,5 Prozent wünschen sich Spezialsendungen zu einzelnen Musikgenres; 75 Prozent lieben Themenreihen (etwa zu Beethoven); 67 Prozent erwarten musikalische Bildungsformate von ihrem Kulturradio, worin sich der Wunsch nach Zuhören statt Durchhören ausdrückt.

          Natürlich hat auch diese Umfrage eine Schlagseite, weil sich in ihr genau jenes soziale Milieu als charakterstark und standfest behauptet, das von der WDR-Umfrage delegitimiert werden sollte. Verlässt man sich nicht auf Umfragen, sondern auf die Quote, die nach einer ähnlichen Programmreform beim MDR von 3,5 auf 2,4 Prozent gesunken sein soll, dann ist völlig klar, dass diese Reformen überall nur die Stammhörerschaft vergrätzen, ohne neue Hörer zu binden. Ihr eigentliches Ziel ist die völlige Abschaffung des Kulturradios.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

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