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Protest der Drehbuchautoren : Revolte im „Entwicklungsland“

Im Februar 2018 haben einige Drehbuchautoren die Initiative Kontrakt 18 gegründet, die sich in Deutschland für Vertrags- und Verhaltensstandards einsetzt, die in anderen Ländern schon lange selbstverständlich sind. Bild: Kontrakt 18

Viele Drehbuchautoren fühlen sich in der deutschen Fernsehbranche wie Statisten. Jetzt haben 92 Schreibende einen Forderungskatalog für mehr Mitspracherecht veröffentlicht. Und die Sender in Bedrängnis gebracht.

          Die Verleihung des Deutschen Fernsehpreises sorgte in diesem Jahr neben dem Hohn darüber, dass sie ohne Live-Übertragung auskommen musste, auch anderweitig für Negativ-Schlagzeilen. Die Drehbuchautoren fühlten sich übergangen. Als die ersten Einladungen an die Filmschaffenden verschickt waren, stellten einige Schreiber fest, dass für sie nicht einmal Gästeplätze bei der Gala vorgesehen waren. In letzter Minute wurden dann noch Einladungen ausgesprochen, und Kristin Derfler, die für den als beste Drama-Serie nominierten ARD-Zweiteiler „Brüder“ Idee und Drehbuch geliefert hatte (der dann auch gewann), durfte auf die Bühne: an einem Abend, an dem sich wieder einmal zeigte, wie wichtig gute Serien für das deutsche Fernsehen geworden sind.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Autoren jedenfalls deuteten den Vorfall als weiteres Zeichen ihrer Ohnmacht. Und beschlossen, sich zu wehren.

          Im Februar gründete Kristin Derfler mit Orkun Ertener, Annette Hess und Volker A. Zahn die Initiative „Kontrakt 18“. In ihrem im Mai mit weiteren Autoren ausgearbeiteten Manifest beschreiben sie, wie immer innovativere Erzähltechniken das Fernsehen verändern. Dies sei vor allem der „herausragenden kreativen Rolle der Dehbuchautorinnen und -autoren zu verdanken, die nicht nur die Buchvorlagen liefern, sondern den gesamten Prozess der Film- und Serienentstehung von der ersten Idee bis zur Endmontage begleiten, kontrollieren und mitverantworten.“ Anders als in Ländern wie den Vereinigten Staaten und Großbritannien werde Schreibern in Deutschland jedoch die kreative Kontrolle über ihre Werke entzogen. In dieser Hinsicht sei die Bundesrepublik ein „Entwicklungsland.“

          Die Teilnehmer der Autorenkonferenz im Mai

          Die Autoren fordern mehr Rechte, sie wollen gleichberechtigte Partner der Filmschaffenden werden. Ihr Sechs-Punkte-Katalog, den inzwischen 92 Autorinnen und Autoren unterschrieben haben, liest sich wie eine Liste sehr nachvollziehbarer Ansprüche: Sämtliche Bearbeitungen des Drehbuchs, so die Unterzeichner, müssten von seinem Urheber autorisiert werden. Bei der Auswahl des Regisseurs sollten die Autorin oder der Autor ein Mitspracherecht haben. Die Gruppe fordert zudem, zu regelmäßigen Leseproben und öffentlichen Terminen eingeladen zu werden und bei Veröffentlichungen in Zusammenhang mit dem Filmprojekt namentlich erwähnt zu werden.

          Gleichzeitig verpflichten sich die Unterzeichner in ihrem „Kontrakt“ dazu, Aufträge zu Überarbeitungen von Drehbüchern nur noch dann anzunehmen, wenn sie sich zuvor mit Kollegen, die aus dem Projekt ausgeschieden sind, verständigt haben.

          Der Umfang der Unterschriftenliste und das Ansehen der Unterzeichner sprechen für die Brisanz der Forderungen. Unter den Autoren sind einige, die in der letzten Zeit mit ihren Geschichten Aufsehen erregt haben, etwa „Ku’damm 59“-Schreiberin Annette Hess und die „4 Blocks“-Autoren Richard Kropf, Bob Konrad und Hanno Hackfort. Der Verband Deutscher Drehbuchautoren (VDD) stellte sich am Wochenende hinter die Unterzeichner. „Man fragt sich zu Recht, ob nicht die mangelnde Einsicht in die Bedeutung der Drehbucharbeit Ursache für die sinkende Akzeptanz etwa des Fernsehangebots ist“, hieß es in der Mitteilung des Verbands. Der „Kontrakt“ sei ein Angebot, wie sich die Kreativität und Kompetenz der Drehbuchautoren erfolgreich einsetzen ließe.

          Seit 2017 laufen vermehrt und erfolgreich eigens produzierte Serien im deutschen Fernsehen. Formate wie „Babylon Berlin“, „Dark“ und „Bad Banks“ haben gezeigt, dass neue, komplexere Erzählformen auch im Deutschen Fernsehen möglich sind. Verantwortlich dafür sind vor allem die Schreiber. An den Bedingungen ihrer Arbeit hat sich trotz der neuen Herausforderungen wenig geändert: Sie beklagen, dass es am Elementarsten fehle. Die Honorare seien erschreckend gering, und wenn eine Vereinbarung über ein Drehbuch getroffen sei, müsse man sich oft damit abfinden, jederzeit gekündigt werden zu können – womit man auch die Rechte an seinem Stoff verliere. Nach Fertigstellung eines Films sei das Drehbuch oftmals kaum wiederzuerkennen, so viele Beteiligte schrieben ohne Absprache daran herum.  

          Szene aus der Serie „4 Blocks“

          Der „Kontrakt 18“ wird Konsequenzen haben. Träten die Forderungen in Kraft, könnte das für die deutsche Fernsehbranche grundsätzliche Veränderungen bedeuten. Die Sender, die ihre Autoren allzu oft zu Statisten machten, müssten sich auf einen weiteren starken Standpunkt in ihren Produktionen einstellen, so wie es in anderen Ländern schon geschieht. Die Schreiber würden zu aktiven Gestaltern von Serie und Film.

          Der Zeitpunkt der Veröffentlichung auch als öffentliches Statement zur Debatte über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, der ohne die Kreativität seiner Drehbuchautoren wohl schlechte Chancen hätte, ist klug gewählt. Ab dem 1. Juli wollen die 92 Unterzeichner nur noch über Verträge verhandeln, wenn ihnen die geforderten Rechte zugestanden werden. Die Sender müssen jetzt schnell reagieren. Von ihrer Entscheidung hängt es ab, wie sich das Fernsehen in Deutschland in den kommenden Jahren verändern wird.

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