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Fernsehshow „The Masked Singer“ : Ode an den Grashüpfer

Ein eleganter Unbekannter mit Insektenaugen, der eine unwiderstehliche Version des Imagine-Dragons-Hits „Believer“ auf die Bühne bringt. Bild: Picture-Alliance

Mit welch einfachen Mitteln man originelles Fernsehen machen kann: Die Zuschauer lieben die Casting-Rateshow „The Masked Singer“. Bis zum Finale Anfang August ist noch Zeit, ein paar wesentliche Fragen zu klären.

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          Irgendwann musste ja jemand auf die Idee kommen, Casting- und Rateshows zusammenzulegen, auch beim Fernsehen setzt man auf Synergieeffekte. Dass die Rationalisierungsmaßnahme so wunderbar originell aussehen würde wie die koreanische Show „The Masked Singer“, ist ein seltener Glücksfall – auch wenn es wiederum fast traurig ist, mit welch einfachen Mitteln man originelles Fernsehen machen kann, wenn man nur will: Es reicht, ein paar mittelprominente Kandidatinnen und Kandidaten in ein paar ordentlich durchgeknallte Kostüme zu stecken – ein Monster, ein Grashüpfer, ein Kakadu – und mehr oder weniger gelungene Coverversionen mehr oder weniger bekannter Songs singen zu lassen.

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Doch erstens sind die Kostüme tatsächlich phantastisch; und zweitens werden sogar die größten Zyniker schwach, wenn ein sehr eleganter Unbekannter mit Insektenaugen und goldenen Fühlern auf dem Kopf eine unwiderstehliche Version des Imagine-Dragons-Hits „Believer“ auf die Bühne bringt. Oder ein knuddeliger Astronaut „Space Oddity“. Dass Prominenz nicht zählt und sich hinter der Maske ein Star verbirgt, der sein unfassbares Gesangstalent bisher verheimlicht hat, ist das große Versprechen der Show. In der amerikanischen Adaption überraschte Bruce Willis’ Tochter Rumer als Löwe mit kraftvoller Stimme, Sieger wurde der Rapper T-Pain, der sein Können zuvor erfolgreich hinter sehr viel Autotune versteckte. Da konnten nicht einmal Latoya Jackson und Gladys Knight mithalten.

          Außen phantastisch, innen nur Fernsehen: „The Masked Singer“

          Seit Ende Juni läuft die deutsche Version von „The Masked Singer“ auf Pro Sieben. Leider können nur zwei der deutschen Figuren annähernd für ähnlich bezaubernde Momente sorgen – der Grashüpfer und der Astronaut. Der Engel sorgt immerhin noch mit einer rollenuntypischen Heavy-Metal-Musikauswahl für Stimmung, bei allen anderen beschränkt sich das Vergnügen darauf, die dürftigen Hinweise auf die Identität der schlechten Sänger zu entschlüsseln. Und ziemlich schlechte Laune macht es, dass man die Hälfte der Sendung einer völlig ambitionslos gecasteten Jury dabei zuschauen muss, wie sie gespielt ahnungslos herumrätselt, wer hinter der Maske stecken könnte, und dabei demonstriert, wie beschränkt ihre Welt ist.

          Das Eichhörnchen und der Kakadu sind wunderbar, aber warum nur diese ambitionslos gecastete Jury?

          Max Giesinger tippt regelmäßig auf David Hasselhoff oder Smudo, Ruth Moschner meistens auf irgendwelche Menschen aus dem Paralleluniversum des Privatfernsehens, die noch unbekannter sind als Ruth Moschner und die man ohne Bachelor in Semiprominenz nicht einmal ohne Maske erkennen würde. Dabei waren unter den bisher enthüllten Teilnehmern sogar ein paar, die man nicht erst googeln muss, zuletzt Schauspieler Heinz Hoenig (der Kakadu) und Ex-Model Marcus Schenkenberg (das Eichhörnchen). Aber vielleicht hat es Pro Sieben zur Auflage gemacht, dass in jeder Sendung die Namen von mindestens drei Pro-Sieben-Moderatoren erwähnt werden. Nur Collien Ulmen-Fernandes geht die Sache mit der Leidenschaft einer fanatischen TKKG-Leserin an, entschlüsselt Anagramme, übersetzt Symbole ins Hebräische oder schneidet zu Hause Bilder von Sarah Lombardi aus dem Internet aus und legt sie über die Figur des Panthers, während sie dabei langsam, aber sicher den Verstand verliert: „Ich bin so verwirrt, ich weiß nicht mal mehr, wer ich selbst bin.“

          Bis Anfang August das Finale stattfindet, hat man jedenfalls noch Gelegenheit, ein paar wesentliche Fragen zu klären: Was könnten wohl die Worte „Deig Zich“ bedeuten, die der Engel aus Russisch Brot formte? Verbirgt sich doch noch ein guter Witz in Matthias Opdenhövel? Warum steht Ruth Moschner so oft auf? Panagiota Who?

          „The Masked Singer“ wäre wirklich eine wunderbare Show. Wenn nur nicht so viele andere Castingshows in ihr stecken würden.

          Jeden Donnerstag, 20.15 Uhr auf Pro Sieben

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