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Prorussische Propaganda : Deutschen Politikern werden Nazi-Großväter angedichtet

  • Aktualisiert am

Auch Karl Lauterbach, Bundesminister für Gesundheit, ist von den verbreiteten Falschnachrichten betroffen. Bild: dpa

So geht die prorussische Propaganda von der „Entnazifizierung“ über die Ukraine hinaus: In sozialen Netzwerken kursieren Bildkombinationen, die deutsche Politiker mit SS-Männern zeigen, die als ihre Großväter ausgegeben werden – es aber in Wahrheit nicht sind.

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          Um die russische Invasion in die Ukraine zu rechtfertigen und deutsche Spitzenpolitiker in ein schlechtes Licht zu rücken, werden einigen von ihnen in den sozialen Netzwerken Familienangehörige mit angeblicher NS-Vergangenheit angedichtet. Auf Bildkombinationen, die in Netzwerken kursieren, sind etwa Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach oder Bundeskanzler Olaf Scholz neben Mitgliedern der SS (Schutz-Staffel) zu sehen. Behauptet wird, die abgebildeten Nationalsozialisten seien die Großväter der Politiker.

          Das Bundesgesundheitsministerium äußerte sich zu der mit Karl Lauterbach in Verbindung gebrachten Bildkombination: „Das ist nicht sein Großvater“, sagt ein Sprecher des Ministeriums zu den kursierenden Fotografien. Der vermeintliche Großvater heißt gar nicht Lauterbach, denn auf dem Bild neben dem Gesundheitsminister ist Hartmann Lauterbacher zu sehen, Stabsführer und stellvertretender Reichsjugendführer der Hitler-Jugend.

          Auch Bundesfinanzminister Christian Lindner ist von den Verunglimpfungen betroffen. Eine Bildkombination zeigt eine ältere Aufnahme Christian Lindners neben Gerhard Lindner. Dieser war im Zweiten Weltkrieg in der Wehrmacht und im Führungsstab einer SS-Division tätig. Er wird als Großvater des Finanzministers ausgegeben. Ein Sprecher des Ministeriums erklärte, dass beide Männer nicht verwandt seien und es sich um Falschinformationen handele. Auch Recherchen im Internet liefern keine Hinweise auf eine vermeintliche Verwandtschaft.

          „Völliger Unsinn“

          Bundeskanzler Olaf Scholz ist in einer Bildkombination mit Fritz von Scholz zu sehen, Generalleutnant der Waffen-SS. Auf Anfrage, ob dieser der Großvater von Olaf Scholz sei, teilte das Bundespresseamt mit: „Das ist völliger Unsinn.“ Aus Unterlagen im Bundesarchiv, die die dpa eingesehen hat, geht hervor: Fritz von Scholz starb am 28. Juli 1944 und hinterließ keine Kinder. Er wurde in Pilsen (heute Tschechien) geboren und lebte am Wörthersee. Die Großeltern von Olaf Scholz stammen hingegen aus Hamburg und waren Eisenbahnbeamte.

          Der Urheber der Bildkombinationen habe wohl über ähnlich klingende Namen eine vermeintliche Verbindung zwischen deutschen Politikern und NS-Führungspersonen herstellen wollen. Ziel der verbreiteten Bilder sei es nicht nur, Politiker zu diskreditieren. Es gehe auch darum, die Argumentation zu stützen, mit der Moskau seinen Überfall auf die Ukraine zu rechtfertigen versucht, erklärte der Politikwissenschaftler Josef Holnburger der Deutschen Presse-Agentur. Er ist einer der Geschäftsführer des CeMAS (Centers für Monitoring, Analyse und Strategie) in Berlin, das in sozialen Medien Radikalisierungstendenzen und die Verbreitung von Verschwörungserzählungen beobachtet.

          „Entnazifizierung“ Europas

          Massiv verbreitet wurden die Bildkombinationen über den Messenger Telegram, wo sie alleine auf einem prorussischen, deutschsprachigen Kanal fast 290.000 Mal aufgerufen wurden. Damit wird die Kriegspropaganda der russischen Regierung aufgegriffen und sogar weitergedreht, so der Politikwissenschaftler. Eine angebliche „Entnazifizierung“ müsse demnach „nicht nur in der Ukraine, sondern sogar in ganz Europa erfolgen“.

          Dass gerade Nationalsozialisten für die Bildkombinationen verwendet wurden, erklärt sich Holnburger so: Es solle eine „bösartige Gruppe“ dargestellt werden, der zum Erreichen ihrer Ziele ein umfassender Machtapparat zur Verfügung stehe. Durch den vermeintlichen NS-Bezug würden die Politiker verunglimpft. Ein Verbreiter der Bilder könne damit „die eigene Position umso mehr als das vermeintlich Gute darstellen“, erklärt Holnburger. „Allerdings machen diese Verbindungen auf keiner Ebene Sinn.“

          Auch Ursula von der Leyen werden Verwandte mit NS-Vergangenheit angedichtet. Im Fall der EU-Kommissionspräsidentin gibt es zwar einen mit ihrem Großvater namensgleichen SS-Mann: Karl Albrecht wurde nach Kriegsende wegen NS-Verbrechen zu lebenslanger Haft verurteilt. Von der Leyens Großvater ist aber der 1902 geborene Karl (teils auch: Carl) Eduard Albrecht, der einer einflussreichen norddeutschen Familie entstammt. Albrecht studierte in den 1920er Jahren Medizin und arbeitete auch zu Kriegszeiten als Arzt. Belege für eine SS-Mitgliedschaft gibt es nicht, weder für ihn noch für seinen Sohn, Ursula von der Leyens Vater Ernst Albrecht. Dieser war von 1976 bis 1990 Ministerpräsident in Niedersachsen.

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