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Propaganda-Webseiten : Der Google-Islamismus

  • -Aktualisiert am

Islamistische Propaganda für die Kleinsten: www.awladnaa.net Bild: Archiv

Sie vagabundieren durchs Netz, ihre Herkunft bleibt anonym, aber sie haben ein klares Ziel: Islamistische Webseiten, die neue Anhänger für Al Qaida werben sollen. Ihre Zielgruppe sind im Westen geborene Jugendliche, die lokale Terrorzellen bilden sollen.

          8 Min.

          Wenn es darum geht, für ihren militärischen Kampf zu trainieren, stehen den Islamisten der Irak und Afghanistan zur Verfügung. Wer sich berufen fühlt, in den Dschihad, den Heiligen Krieg gegen die Feinde des Islams, einzutreten, findet bei den zahlreichen Splittergruppen Aufnahme, die gegen die Amerikaner und ihre Verbündeten kämpfen. Ihre Trainingscamps in Afghanistan hat Usama Bin Ladins Al Qaida zwar verloren, aber dafür kann sie sich im Norden Pakistans sammeln und verbergen, um immer wieder nach Afghanistan vorzustoßen. Das Trainingsfeld für die Sympathisanten des Dschihad aber, von dem sie niemand vertreiben kann, ist das Internet.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Hier werden Kämpfer angeworben und mit dem nötigen Wissen für den Heiligen Krieg und ausgewähltem Geschichtswissen für ihr Weltbild ausgestattet. Die Zahl der Seiten, die minutiös schildern, wie man Bomben baut, wie man Anschläge vorbereitet und ein Selbstmordattentat verübt, oder Propaganda betreiben, ist Legion. Fachleute schätzen die Zahl der stabil zu erreichenden und der vagabundierenden Terrorseiten im Netz auf 4500. In Chatrooms, die immer wieder ihre Adresse wechseln, tauschen sich die Islamisten nicht nur aus, mit eigenen Fernsehprogrammen im Internet errichten sie eine regelrechte Gegenöffentlichkeit.

          Eine virtuelle Gemeinschaft der Muslime

          Die Hinrichtungsvideos und Botschaften Usama Bin Ladins, die zumeist beim arabischen Nachrichtensender Al Dschazira landen, sind nur der sichtbarste Teil eines Propagandakriegs, den nicht nur Al Qaida mit hoher Professionalität führt. Das Internet, das haben die Islamisten längst erkannt, ist eine wirksame Waffe.
          Erst die Medienwirkung macht den Terror aus, deshalb war die Liveübertragung der Anschläge vom 11. September für Al Qaida ebenso wichtig wie das verheerende Ausmaß der Zerstörung auf Ground Zero. „Terrorismus bedeutet Theater und Wettstreit um Aufmerksamkeit“, schreibt Joseph Nye, Politikwissenschaftler an der Harvard-Universität. Was sich im Internet bilde, meint der französische Islamwissenschaftler Gilles Kepel vom Institut d'Etudes Politiques in Paris - und greift dabei zurück auf eine These des amerikanischen Anthropologen John W. Anderson -, sei nichts anderes als eine „neue virtuelle Umma“, eine Gemeinschaft aller Muslime.

          Zwar ist die Szene fragmentiert und können die Autoren der Websites ihre jeweilige Herkunft nicht verleugnen, doch eint sie das Bewußtsein, Teil eines globalen Glaubenskriegs zu sein, den es an jeder Front, in jedem Land, auf ganz unterschiedliche Weise auszufechten gilt. Deshalb sollte man die Wirkung der vielen Beiträger zu dieser „virtuellen Umma“ und den Islamismus durch Google nicht unterschätzen, auch wenn die Verbreitung des Internets in vielen arabischen Ländern weit hinter Asien, Europa und den Vereinigten Staaten zurückliegt. Es wäre falsch, die Bedeutung der „virtuellen Umma“ geringzuachten. Denn man braucht keinen privaten Internetanschluß, um ins World Wide Web zu kommen, dazu gibt es Internetcafés. Und schließlich richten sich die Aufrufe zum Dschihad nicht allein an die Muslime in den arabischen Ländern, sondern an die islamische Jugend in Europa und Amerika.

          Comic-Geschichten vom Dschihad für Kinder

          Auch die Botschaften selbst lassen sich nicht exakt verorten: Ist ein Videofilm an einer Stelle nicht mehr zu erreichen, taucht er umgehend unter einer anderen Adresse wieder auf. So ist auch die Internetseite „Let's go 4 jihad“ nicht mehr unter der ursprünglichen Adresse zu finden (www.lg4j.com). „Let's go for jihad“, und zwar „NOW!!!“, riefen dort die „Mudschaheddin der arabischen Halbinsel“ ihren Brüdern zu und lockten mit mehreren Dutzend Frontvideos aus dem Irak und aus Afghanistan. Unter www.almagribi.blogspot.com stehen ebenfalls jede Menge Videos zum Download bereit, solche von Angriffen und von den Auftritten von Selbstmordattentätern, die sich vor dem Attentat mit der Waffe in der Hand von ihren Angehörigen verabschieden.

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