https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/propaganda-in-russischen-fernsehtalkshows-16075231.html

Russische Fernsehtalkshows : Glauben Sie etwa, das sind Zuschauer hier im Studio?

  • -Aktualisiert am

Prügelknaben in russischen Fernsehsendungen bekommen Einreiseverbot, oder sie lassen sich gut bezahlen. Bild: Treffpunkt/Screenshot F.A.Z.

Diskutieren, aber nach Drehbuch, und im entscheidenden Moment fällt der Ton aus: Ein Erfahrungsbericht aus dem Herz des russischen Propaganda-Apparates, den Talkshows des Staatsfernsehens.

          8 Min.

          Iosif Raichelgaus hat die Statur eines Bären, dem russischen Theaterregisseur verschlägt nichts so leicht die Sprache. Außer meiner Frage in der Werbepause der Talkshow „60 Minuten“ im russischen Staatskanal „Rossija 1“: „Warum waren die Zuschauer wie versteinert, als der ukrainische Ex-Abgeordnete Kirilo Kulikow fragte, wer Verwandte in der Ukraine hat? Warum hat sich keiner gemeldet? Das kann doch nicht stimmen!“ Raichelgaus sieht mich an: „Natürlich stimmt es nicht. Glauben Sie etwa, das sind Zuschauer hier im Studio?“ Nein, antworte ich: „Alles durchorganisiert und vorgefiltert, klar.“ Der Theatermann schüttelt den Kopf: „Viel schlimmer! Es sind alles Schauspieler – und immer dieselben!“ Ich frage den Moderator Jewgeni Popow: „Sie geben Schauspieler als Zuschauer aus?“ Der Mann mit dem Hollywood-Lächeln nickt: „Ja, klar! Aber erzählen Sie mir bitte nicht, in deutschen Talkshows sei das nicht so!“

          Es ist ein Experiment, sich in das Herz des russischen Propaganda-Apparates zu wagen, in die Live-Talkshows der großen Fernsehsender. Sie sind so fair wie ein Fußballspiel, bei dem eine Mannschaft nur aus zwei gefesselten Spielern besteht, die vom Schiedsrichter und dem Publikum bekämpft werden. Zensierten die Sowjetherrscher ihre Kritiker weg, so tun die Fernsehmacher heute so, als kämen einige zu Wort – um sie in entscheidenden Momenten niederzuschreien und vorzuführen. Viele Oppositionelle stehen auf schwarzen Listen, dürfen nicht teilnehmen oder boykottieren die Sendungen wie der Korruptions-Bekämpfer Alexej Nawalnyj, der Ex-Schachweltmeister Garry Kasparow oder Ex-Oligarch Michail Chodorkowski.

          Testen Sie unser Angebot.
          Jetzt weiterlesen.
          Testen Sie unsere Angebote.
          F.A.Z. PLUS:

            FAZ.NET komplett

          Diese und viele weitere Artikel lesen Sie mit F+
          Test einer ballistischen Interkontinentalrakete im Dezember 2020 am Kosmodrom Plessezk in Russland.

          Ukrainekrieg : Das nukleare Risiko steigt

          Putins Drohungen mit Atomwaffen sollte man sehr ernst nehmen, sie sind ein Problem für die bisherige westliche Strategie im Ukrainekonflikt. Mehr denn je kommt es jetzt auf Geschlossenheit an.
          Hauptgebäude der Leuphana Universität Lüneburg

          „Cancel Culture“ an Unis : Ende einer Treibjagd

          Eine Wirtschaftsjuristin wird an der Universität Lüneburg Opfer einer Rufmord-Kampagne. Der Vorwurf: Transphobie. Die Universitätsleitung schaut zu.
          Droht dem Westen: Der russische Präsident Wladimir Putin am 21. September 2022

          Putins neue Drohungen : Szenarien für den nuklearen Ernstfall

          Putin hat schon früher mit dem Einsatz von Atomwaffen gedroht. Diesmal sagt er, er bluffe nicht. Washington hat dafür Szenarien ausgearbeitet und Moskau gewarnt.