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Russische Fernsehtalkshows : Glauben Sie etwa, das sind Zuschauer hier im Studio?

  • -Aktualisiert am

Prügelknaben in russischen Fernsehsendungen bekommen Einreiseverbot, oder sie lassen sich gut bezahlen. Bild: Treffpunkt/Screenshot F.A.Z.

Diskutieren, aber nach Drehbuch, und im entscheidenden Moment fällt der Ton aus: Ein Erfahrungsbericht aus dem Herz des russischen Propaganda-Apparates, den Talkshows des Staatsfernsehens.

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          Iosif Raichelgaus hat die Statur eines Bären, dem russischen Theaterregisseur verschlägt nichts so leicht die Sprache. Außer meiner Frage in der Werbepause der Talkshow „60 Minuten“ im russischen Staatskanal „Rossija 1“: „Warum waren die Zuschauer wie versteinert, als der ukrainische Ex-Abgeordnete Kirilo Kulikow fragte, wer Verwandte in der Ukraine hat? Warum hat sich keiner gemeldet? Das kann doch nicht stimmen!“ Raichelgaus sieht mich an: „Natürlich stimmt es nicht. Glauben Sie etwa, das sind Zuschauer hier im Studio?“ Nein, antworte ich: „Alles durchorganisiert und vorgefiltert, klar.“ Der Theatermann schüttelt den Kopf: „Viel schlimmer! Es sind alles Schauspieler – und immer dieselben!“ Ich frage den Moderator Jewgeni Popow: „Sie geben Schauspieler als Zuschauer aus?“ Der Mann mit dem Hollywood-Lächeln nickt: „Ja, klar! Aber erzählen Sie mir bitte nicht, in deutschen Talkshows sei das nicht so!“

          Es ist ein Experiment, sich in das Herz des russischen Propaganda-Apparates zu wagen, in die Live-Talkshows der großen Fernsehsender. Sie sind so fair wie ein Fußballspiel, bei dem eine Mannschaft nur aus zwei gefesselten Spielern besteht, die vom Schiedsrichter und dem Publikum bekämpft werden. Zensierten die Sowjetherrscher ihre Kritiker weg, so tun die Fernsehmacher heute so, als kämen einige zu Wort – um sie in entscheidenden Momenten niederzuschreien und vorzuführen. Viele Oppositionelle stehen auf schwarzen Listen, dürfen nicht teilnehmen oder boykottieren die Sendungen wie der Korruptions-Bekämpfer Alexej Nawalnyj, der Ex-Schachweltmeister Garry Kasparow oder Ex-Oligarch Michail Chodorkowski.

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