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Propaganda in der Krim-Krise : Wie die russische Flagge wirklich auf das Parlamentsgebäude kam

Hinter einer Lenin-Statue wehen Flaggen Russlands und der Krim in Simferopol Bild: AFP

Dichtung und Wahrheit über die Krim: Die Website einer Kiewer Journalistenschule kämpft dagegen, wie russische Medien Legenden zur Lage in der Ukraine verbreiten.

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          Von dem, was in russischen Medien momentan über die Ukraine zu lesen und zu sehen ist, ist vieles nicht wahr. Am 1. März berichtete die Nachrichtenagentur Ria Novosti etwa über einen Ansturm ukrainischer Flüchtlinge in der Nachbarregion Belogorod. Zitiert wurde der Gouverneur der Region, der von Tausenden von Ukrainern berichtete, die Schutz vor den neuen radikalen Machthabern in Kiew suchten. Eine Nachfrage beim Migrationsbüro von Belogorod reduziert die Zahl der Flüchtlinge auf ganze fünf Personen.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Der russische Fernsehsender NTV behauptete mitten in der Eskalationsphase, ukrainische Milizen hätten auf dem Parlamentsgebäude in der Krim-Kapitale Simferopol die russische Flagge gehisst. Tatsächlich habe es sich bei diesen Selbstverteidigungseinheiten um ein russisches Militärkommando gehandelt, korrigierte der frühere Chef des ukrainischen Geheimdienstes Yevhen Marchuk wenig später.

          Und die russische Novaya Gazeta schrieb am 2. März über die chinesische Unterstützung für die russischen Militäraktionen auf der Krim. Sie berief sich auf diplomatische Dokumente, nach denen China jede UN-Resolution gegen Russland verhindern wollten. Einen Tag später sagte der chinesischen Außenminister vor laufenden Kameras, man respektiere die Unabhängigkeit und territoriale Integrität der Ukraine.

          Manche Gerüchte lassen sich rasch entkräften

          Ein gutes Dutzend solcher Berichte und Gegenberichte findet sich beim Online-Portal Stopfake.org, das von Studenten einer Kiewer Journalistenschule und einem Programm für Onlinejournalismus gegründet wurde. Inzwischen haben sich viele weitere Journalisten dem Projekt angeschlossen. Täglich kommen neue Gegendarstellungen hinzu. Die Seite bietet jedem die Möglichkeit, eigene Beiträge über Falschberichte beizusteuern, die das Projekt gegenzurecherchieren verspricht.

          Natürlich ist auch dies kein Garant für Objektivität. Mit Querverweisen auf Alternativdarstellungen in anderen Medien oder Nachfragen bei zuständigen Behörden lassen sich jedoch zumindest einige der Gerüchte recht schnell auflösen. Der Gewährsmann, der die ukrainischen Milizen in das Parlamentsgebäude von Simferopol geführt haben will, stellt sich mit einem Link auf seine Facebook-Präsenz etwa als wenig seriös auftretender Komiker heraus. Mit bildlichen Gegenüberstellungen dementiert Stopfake die Berichte russischer Medien, viele Ukrainer würden geradezu um russische Protektion vor der neuen „faschistischen“ Regierung in Kiew betteln. Videoaufnahmen belegen, dass die Bilder eines russischen Fernsehsenders über Demonstrationen in Simferopol in Wirklichkeit Kiewer Protestszenen zeigen.

          Die Berichte auf Stopfake sind gewiss nicht die letzte Stufe der Wahrheitsfindung, aber in vielem ein klarer Hinweis auf die massive Propaganda, die russische Medien in ihren Berichten über die Ukraine betreiben.

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