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Prominente Twitterer : Du bist ein Mensch

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Hier wird gerade mit dem Smartphone gefilmt, zum Twittern aber dient es auch: Boris Becker auf der diesjährigen Buchmesse Bild: dpa

Die Nähe zu den Fans nimmt zu, die eigene Größe meistens ab: Was Prominente twittern, sind keine Aphorismen für die Ewigkeit. Zu dumm nur, dass, was einer spät, nachts mal rasch tippt, morgen in der Zeitung steht.

          Manchmal sagt sogar Boris Becker kluge Sachen, allerdings meistens nicht auf Twitter. Sondern, zum Beispiel, in der „Bild“-Zeitung. Die hatte ihn in der vergangenen Woche auf einige Wortmeldungen angesprochen, die er sehr spät abends auf dem Kurznachrichtendienst abgesetzt hatte. Der bekannte ehemalige Tennisspieler sagte dem Blatt: „Man sollte hier nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen.“

          Natürlich ignorierte die „Bild“-Zeitung diesen Rat, holte die feinsten ihr zur Verfügung stehenden Messinstrumente aus dem Schrank und befand, nachdem sie jedes Wort Beckers aus jener Nacht damit überprüft hatte, dass es sich hier um einen „Krieg“ handelt: einen „TWITTER-KRIEG“. Sie fand für die Berichterstattung einen prominenten Platz oben auf der Titelseite.

          Im Kern - wenn man von einem solchen sprechen will - ging es darum, dass Stefan Raab sich in seiner Sendung „TV total“ ausdauernd über einen Versprecher Beckers lustig gemacht hatte, woraufhin Becker seine Anhänger auf Twitter aufforderte, ihm irgendwelche „spannenden Geheimnisse“ über den Moderator zu schicken: „Es muss doch in Koeln eine Domina geben, die #Raab gut kennt . . .???“ Da war es 2.15 Uhr.

          Der Rohstoff für Dramen

          Als die ersten Prominenten vor ein paar Jahren Twitter als Medium für sich entdeckten, gab es Analysen, die eine Identitätskrise des Klatschjournalismus vorhersagten. Dessen Wert könnte dramatisch sinken, wenn die Stars das interessierte Publikum direkt mit bunten Geschichten, Fotos aus ihrem Leben und mehr oder weniger privaten Einblicken versorgen, ohne Umweg über die Paparazzi und Geschichtenerzähler in den Redaktionen, mit dem reizvollen Versprechen der Authentizität durch unmittelbare Kommunikation.

          Allerdings profitieren bislang auch die Journalisten davon. Die Äußerungen von Prominenten auf Twitter bilden eine neue, fast unerschöpfliche Quelle für Geschichten. Wer sich für die alltäglichen Gedanken und Erlebnisse zum Beispiel von Boris Becker interessiert, kann diese zwar auch gleich selbst auf Twitter verfolgen, und wer sich nicht dafür interessiert, wird das vermutlich auch dann nicht tun, wenn sie später in der Zeitung stehen. Aber Journalisten erbringen immerhin die Dienstleistung, aus der gewaltigen Zahl von Nichtigkeiten diejenigen herauszufiltern, die Potential haben. Twitternachrichten sind ein Rohstoff, aus dem sich Dramen machen lassen.

          Niemand versteht es wie die Regenbogenpresse, aus dem kleinsten Körnchen Wahrheit die prächtigsten Phantasieblumen sprießen zu lassen. Als Boris Becker sich Anfang des Jahres auf Twitter öffentlich freute, das Sylvie und Rafael van der Vaart es noch einmal miteinander versuchen wollen, deutete die Zeitschrift „Freizeit Monat“ das als unmissverständlichen Hinweis, dass er sich mit seiner Ex-Frau wieder versöhnen wollte. Die Titel-Schlagzeile: „Liebes-Sensation! Zweite Hochzeit mit Babs?“ So was ist redaktioneller Alltag, wie das Blog topfvollgold.de dokumentiert.

          Vor Tippfehlern strotzende Tweets

          Doch auch für Schreiber, die sich eher als Journalisten denn als Märchenerzähler verstehen, haben die Tweets von Prominenten ein verführerisches Potential.

          Twitter ist von seiner Natur her ein flüchtiges Medium. Natürlich lassen sich hier große Nachrichten mit der Welt teilen oder kunstvolle 140-Zeichen-Aphorismen drechseln, die es wert sind, aufgehoben zu werden. Aber sein ganzes Wesen verführt zu einer schnellen, ungezügelten Kommunikation. Vor Tippfehlern strotzende Tweets sind nicht nur Ausdruck einer Beckerschen Wurstigkeit, sondern auch dieser Flüchtigkeit des Mediums.

          Es ist ein alltägliches, oft irrelevantes Geplauder; eine Konversation für den Moment - allerdings mit der Besonderheit, dass eine größere Öffentlichkeit daran teilhaben kann und dass sie sich hinterher nachlesen lässt.

          Es verändert den Charakter dieser Äußerungen, wenn man sie aus ihrem Umfeld löst und in ein anderes Medium überträgt. Wenn ihre Beiläufigkeit verloren geht, die Hitze des Wortgefechts, die Situation früh am Morgen, womöglich allein vor dem Computer oder mit dem Smartphone. Man dürfte sie nicht auf die Goldwaage legen, man müsste sie sich vielleicht mit einem Augenzwinkern vorstellen oder mit einer Alkoholfahne.

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