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WM-Übertragung in der Ukraine : Prominent ignoriert

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Nicht jedem schmeckt diese Fußball-Weltmeisterschaft: Vor der russischen Botschaft in Kiew halten Demonstranten Plakate in die Höhe. Bild: AFP

Russland als Aggressor und ein weltweit übertragenes Fußballturnier als peripheres Hintergrundrauschen: Warum die Weltmeisterschaft 2018 in der Ukraine keine Rolle spielt.

          Der Flughafen von Lemberg erinnert noch an den Aufbruch von 2012. Zur Europameisterschaft hatte die westukrainische Stadt gewaltig in ihre Fußballinfrastruktur investiert. Nun, sechs Jahre später, ignoriert die ukrainische Gesellschaft die Fußball-Weltmeisterschaft, weil sich ihre Mannschaft nicht qualifizierte und weil Russland noch immer im Osten der Ukraine einen Krieg befeuert, der im Schatten der WM weitergeht. Daran erinnern überall in Lemberg Plakate, die mit dem Hashtag #FreeSentsov die Freilassung des ukrainischen Regisseurs Oleg Sentsow fordern, der seit dem 14. Mai in russischer Haft im Hungerstreik ist.

          In der Euphorie der EM hatte das nationale öffentliche Fernsehen der Ukraine bereits 2013 die WM-Fernsehübertragungsrechte von der Fifa gekauft. Doch 2014 folgten der Kiewer Euromajdan und die Annexion der Krim durch Russland. Die staatliche Fernsehanstalt gab 2018 bekannt, dass sie die WM nicht übertragen werde, um dem eigenen Ansehen nicht zu schaden. Da von Seiten der Fifa hohe Vertragsstrafen bei Nichtübertragung drohen, versteigerte sie aber die Übertragungsrechte unter privaten Fernsehanbietern. Die zunächst interessierte private Mediengruppe „Ukraina“ verzichtete jedoch ebenfalls mit dem Verweis auf den „Status von Russland als Aggressor“. In letzter Minute kam im Juni eine Einigung mit dem Sportsender „Inter“ zustande, der nun alle Spiele aus Russland überträgt.

          Es folgt animiertes Wetttrinken mit sauren Gurken

          In der Altstadt von Lemberg, in der 2012 Fans aus ganz Europa zusammen mit Ukrainern feierten, ist im Jahr 2018 von Fußball nichts zu sehen. Am Tag des deutschen Spiels gegen Schweden veranstaltet die Stadt statt Public Viewing demonstrativ einen „Lviv Yoga Day“. Einer der wenigen Orte, an dem der Sender „Inter“ öffentlich ausgestrahlt wird, ist die Brauerei Stargorod. Am Eingang stehen zwei Polizisten. Die Leinwand liegt hinter einer Bühne, die den ganzen Abend von einem Moderatoren und zwei in Trachten tanzenden Frauen besetzt bleiben wird. Pünktlich zum Auftakttor der schwedischen Mannschaft wird ein Spanferkel für die Gäste in den Saal gefahren. Immerhin ist die Stimmung zu diesem Zeitpunkt im tschechischen Bierhaus in der Ukraine deutlich besser als bei den deutschen Fans im russischen Stadion. Noch während der ersten Halbzeit, in der das Ausscheiden des Weltmeisters zum Greifen nahe ist, wird eine Torte mit Tischfeuerwerk unter allen Gästen geteilt, die heute Geburtstag haben. Es folgt animiertes Wetttrinken mit sauren Gurken.

          Als Marco Reus nach der Pause der Ausgleichtreffer gelingt, erklingt im Brauhaus ein Tusch mit einem Ausschnitt aus dem „Disko Partizani“-Hit des Frankfurter DJs Shantel. Über die Leinwand flackert Werbung eines russischen Gaskonzerns, mit dem die ukrainische Regierung vor internationalen Gerichten streitet. Die einzigen Fußballfans, die sich zu erkennen geben, sind ein paar polnische Touristen, die lautstark Schweden unterstützen. Die anderen Gäste kommen aus Lemberg, Odessa, Kiew und Budapest. Sie sind zum Feiern gekommen, nicht zum Public Viewing. Während im Hintergrund die deutschen Versuche zu sehen sind, eine Chance auf das Achtelfinale zu wahren, folgt im Lemberger Brauhaus ein musikalischer Schlagabtausch: Welcher Gast kann – auf einem Stuhl stehend – lauter singen? Die polnischen Gäste intonieren den Gassenhauer „Hej Sokoly“, der von einem Mädchen in der grünen Ukraine und der polnischen Sehnsucht nach ihren verlorenen Ostgebieten handelt. Die deutlich gesangsstärkere ukrainische Fraktion antwortet mit einem Lied über die Alltagsfreuden in einem Marschrutka-Bus. Der Moderator ruft „Slawa Ukrainie“ – lang lebe der Ruhm der Ukraine!

          In allgemeiner Euphorie erheben sich alle Anwesenden zum Auftakt des Discoabends mit ukrainischer Popmusik. Wer weiterhin in Ruhe Fußball gucken will, kann das Spiel in der Toilette auf einem der sechs Fernseher verfolgen, die hinter einer großen Plexiglasscheibe im Pissoir angebracht sind. Vor der Videoleinwand mit der Übertragung des Fußballspiels aus Sotschi herrscht derweil prächtige Stimmung. Angeheizt wird sie von sportlichen Einlagen der Tänzer, die versuchen, sich an der sieben Meter hohen Tanzstange bis zur Decke zu stemmen.

          Gerade als Jérôme Boateng den Platz verlassen muss, wird eine junge Frau mit vereinten Kräften nach oben geschoben. Dass ausgerechnet Toni Kroos in der letzten Minute des Spiels trifft, hat für die meisten Feiernden im Lemberger Bierhaus nicht mehr Bedeutung als das Versenken einer Kugel bei einer X-beliebigen Billardübertragung. Der deutsche Jubel in Sotschi wird in der Ukraine prominent ignoriert. Danach schaltet „Inter“ gleich um zum Boxen.

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